Die Schule am Meer

Schule

Auf nach Juist und in die späten 1920er Jahre: Dahin bringt uns Sandra Lüpkes mit ihrem tadellosen Schmöker „Die Schule am Meer“.

Ich war noch nie auf Juist und schon lange nicht mehr an der Nordsee – aber bei diesem Roman spüre ich trotzdem die Meeresbrise auf der Haut und das weiche Watt unter meinen Füßen. Er erzählt die Geschichte der „Schule am Meer“, einer Reformschule, die von 1925 bis 1934 auf der Nordseeinsel bestand.

„Sie durften aufwachsen in einer Gemeinschaft, in der jedem Menschen, gleich welchem Elternhaus er entstammte, gleich ob Junge oder Mädchen, ob begabt oder förderbedürftig – in dem jedem ermöglich wurde, die Welt um sich herum mit allen Sinnen zu erkunden. Nah an der Natur, an der Kunst, an der Musik. Um dann, auf dem Weg ins Erwachsenenalter, sich selbst und die eigene Rolle in dieser Gemeinschaft zu entdecken.“

 

Jeden Morgen wird zum Frühsport gerufen, bei Wind und Wetter müssen die Schüler*innen zum Schwimmen ins Meer, später gibt es musikalischen, handwerklichen oder naturwissenschaftlichen Unterricht. Die Perspektive liegt dabei mal bei Anni Reiner, der Frau des Gründungsmitglieds Paul Reiner, mal bei den Internatsschülern „Moskito“ und Marje oder dem Musiklehrer Eduard Zuckmayer (Bruder von Carl Zuckmayer). Auch Gustav Wenniger, der vom einfachen Kellner im Laufe der Jahre zum überzeugten Nationalsozialist wird und in die Politik einzieht, bekommt Platz für seine Version der Geschichte. Einige von den Charakteren basieren auf historisch verbürgten Personen.

Schule

Ein Schüler ruft per Gong die anderen Schüler*innen zusammen / Foto: Wikimedia Commons

Es sind also einige Stimmen, die hier zu Wort kommen und das ist auch gleich eine Stärke des Buches: Dieses Facettenreichtum ermöglicht es, nicht nur die durchwachsenen Anfänge der Reformschule in einer ziemlich konservativen Umgebung zu erzählen, sondern die steigende Stigmatisierung von Juden und Kommunisten – von denen es einige in der Schule gibt – einzuflechten. Und damit deutlich zu zeigen: Der Antisemitismus wurde ab Mitte der 1920er Jahre immer lauter, man konnte ihn eigentlich gar nicht übersehen, auch auf Juist machen die Menschen mit oder stellen sich zumindest nicht offen dagegen.

Die Politik der Weimarer Republik und die Ideen der Reformpädagogik bilden den Hintergrund für den Roman, aber auch zwischenmenschliche Verwicklungen und alte Geheimnisse, (unerfüllte) Liebesgeschichten, Zukunftsträume und Enttäuschungen spielen also eine große Rolle – alles eingebettet in die unerbittliche Natur der Insel Juist, die in harten Wintern schon mal vom Festland abgetrennt ist, wenn das Meer zufriert.

Die Schule am Meer – die Autorin ist übrigens selbst auf der Insel großgeworden – ist ein ausführlich recherchierter, sprachlich wie inhaltlich fein ausgearbeiteter und atmosphärisch Dichter Roman, dank dessen Sogkraft man sich für ein paar Stunden oder Tage aus der Gegenwart hinwegträumen kann.

Sandra Lüpkes
Die Schule am Meer
Kindler Verlag, 2020
576 Seiten, 22 Euro

Foto oben: Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / “Juist, Düne, 2014, 3606” / CC BY-SA 4.0