Die Toten schlafen nicht

Toten

Geister, Geheimnisse und urige Dorfbewohner „Der Freund der Toten“ von Jess Kidd ist ein schaurig-humorvoller Schmöker für einen Nachmittag im Park!

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„Dein Name ist Francis Sweeney. Deine Mammy war Orla Sweeney. Du bist aus Mulderrig, County Mayo. Das ist ein Foto von dir und ihr. Zu deiner Information: Deine Mammy war die Schande von Mulderrig, deshalb hat man sie dir genommen. Sie lügen alle, also sei auf der Hut und zweifele nicht daran, dass deine Mammy dich geliebt hat.“
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Also Mahony 1976 dieses Foto zum ersten Mal in den Händen hält, geht er bereits auf die 30 zu, ist vorbestraft und verbringt seinen Tag für gewöhnlich in einer verrauchte Spelunke in den Gassen von Dublin. Schon immer hatte er sich gefragt, wieso er damals in das Waisenhaus gegeben wurde, anstatt von seinen leiblichen Eltern aufgezogen zu werden. Kurzerhand packt er seinen Rucksack und fährt nach Mulderrig – wo er ungefragt und unerwünscht das verkrustete Dorfleben wie ein babylonischer Sturm durcheinanderwirbeln wird, der sogar die Toten auf den Plan ruft. Denn da wäre noch etwas, was den langhaarige Hippie mit den verdreckten Schlaghosen auszeichnet: Er kann verstorbene Menschen und Tiere sehen. Doch warum zeigt sich seine Mutter nicht? Hat sie damals doch einfach das Dorf verlassen, wie ihm verschiedene Dorfbewohner hartnäckig zu verklickern versuchen?

Auf Orla Sweeney ist man hier nämlich nicht gut zu sprechen, war sie doch ein freches kleines Ding, dass während der Messe in die Häuser der Nachbarn einbrach, um verschiedene Dinge zu stibitzen – und die überdies ihren Körper gegen Geld für Mulderrigs Männer zur Verfügung stellte. Es wird fleißig gelogen, geflunkert und erfunden – bis Mahony auf die alte Mrs. Cauley trifft, die inmitten etlicher Büchertürme wie eine Spinne in ihrem Netz haust und fest davon überzeugt ist, dass Orla damals ermordet wurde. Gemeinsam hecken sie einen Plan aus, wie sie die Bewohner zum Sprechen und natürlich zum Geständnis bringen können – und nicht selten helfen ihnen die Verstorbenen dabei, die als durchsichtige Projektionen durch Hauswände schweben und auch mal aus dem Nähkästchen plaudern. Doch nicht immer ist das hilfreich:

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„Weder verändern sich die Toten noch wachsen sie. Sie sind bloß Echos der Geschichte ihres eigenen Lebens, falsch herum gesungen. Sie sind das Muster auf den geschlossenen Augenlidern, nachdem du etwas Helles gesehen hast. Sie sind doppelt belichtete Filme. Sie sind nicht wirklich da, weshalb Ursache und Wirkung für sie keine Bedeutung haben.“
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In ihrem Roman Der Freund der Toten präsentiert Jess Kidd uns den Mikrokosmos eines kleinen, vorgeblich bilderbuchhaften Dorfes, welches ein tödliches Geheimnis zu vertuschen versucht und sich am Ende in seinem eigenen Geflecht aus Lügen verstrickt und sich selbst zerstört. Die Autorin weiß die unzähligen Schrulligkeiten der verschiedenen Bewohner derart plastisch darzustellen, dass man als Leser mitten auf dem Dorfplatz steht und dem alltäglichen Klatsch der Frauen zuhören kann: Mahony, dieser heiße Feger, mit dem würde ich ja auch mal gerne… aber wenn das rauskäme… und überhaupt, mit dem Sohn von Orla Sweeney sollte man sich sowieso besser nicht einlassen!

Mit einem rasanten Spannungsbogen, Szenen, die einem einen eiskalten Schauer über den Rücken lassen und Episoden, bei denen man unweigerlich schmunzeln muss, ist Der Freund der Toten ein gelungener Roman, der verschiedene Lebensgeschichten und Jahrzehnte wie in einem kunstvollen Teppich verwebt – und auch das ein oder andere rational Unerklärliche mit einflechtet, so dass man bis zur letzten Seite in der Geschichte steckt!

Jess Kidd
Der Freund der Toten
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Dumont Verlag, 2017
Gebunden, 384 Seiten, 20€
ISBN 978-3-8321-9836-7

 

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