Die Trägheit des Sommers

Sommer

Könnt ihr euch noch an die endlos langen, drückenden Sommerferien eurer Kindheit erinnern? Barbara Schwarcz hat sie in „Sommerverschwendung“ eingefangen.

Das Zeugnis in die Klarsichthülle stecken, der Schule eine lange Nase zeigen und dann nachhause rennen: Sechs volle Wochen ohne nervige Lehrer*innen, Deutsch-Diktate und Dauerlauf auf dem Ascheplatz! Sommerferien bedeuteten Ausschlafen, Quatsch machen, im Freibad rumtoben – aber auch zähe Langeweile. Zum Beispiel dann, wenn alle Freunde und Freundinnen bereits in den ersten Wochen der Ferien in den Urlaub fuhren, man selbst mit der Familie aber erst später im Sommer. Dann musste man sich mit sich selbst begnügen und alleine durch die Straßen des Dorfes streichen.

Die Erzählerin im Debütroman von Barbara Schwarcz, einer Autorin aus Wien, befindet sich in genau dieser Situation. Alle Spielkameraden aus dem Hochhaus, in dem sie mit ihren Eltern lebt, sind unterwegs – am Wolfgangsee, in Italien, auf dem Land bei den Großeltern – und ihre beiden älteren Schwestern und die beiden älteren Brüder schon zu groß. Sie ist sieben und eine Nachzüglerin.

„Deine Geschwister haben dir eingeredet, freu dich auf die Ferien, die ersten Sommerferien deines Lebens, und du hast ihnen geglaubt, ehrlich gefreut hast du dich, das hast du nun davon, eine einzige Sommerverschwendung, denn was könnte man jetzt alles machen, sogar Schule wäre dir lieber, während du hier reglos stehst und aus dem Fenster schaust und deine Mutter hinter dir den Kasten abstaubt.“

 

Sommer

Doch Langeweile hat einen Vorteil: Sie macht erfindungsreich, sie gibt Zeit zum Nachdenken. Das kleine Mädchen sinniert immer häufiger über die Bedeutung von Worten, über ihre Buchstabenfolge und ihren Klang. Heißt der „Wortschatz“ so, weil man ihn erst finden und ausgraben muss, versteckt er sich womöglich im tiefen „Grüßteich“ (so spricht der Vater im lokalen Dialekt das „Grüßt euch“ aus)? Wieso klingen manche ungarischen Worte – die Muttersprache des Vaters – so, als könne man sie essen, als liefe einem beim Hören des Begriffs für Pfirsich bereits die süße Flüssigkeit die Wangen herunter?

„Du hörst das Wort paraditschom und es schmeckt nach den saftig-süßen, herrlichen tiefroten südungarischen Tomaten, genauso wie die saftig-süßen, herrlichen tiefroten südungarischen Tomaten selbst, die in einer solchen Intensität tomatig schmecken, wie du es bei dir zu Hause nie kennengelernt hast“

An den Zitaten kann man erkennen: Die Autorin hat hier die eher selten genutzten Du-Erzählform gewählt, was dazu führt, dass man als Leserin stark in den Text hineingezogen wird: Ist man selbst das kleine Mädchen, das sehnsüchtig auf den Urlaub bei den Verwandten in Ungarn wartet, das Spiele erfindet und Phantasien auslebt, um sich zu beschäftigen, das aus Protest über die Langeweile aufhört zu sprechen?

Erinnerungen an die eigenen Sommer der Kindheit werden da unweigerlich wach, Erinnerungen an den glühenden Asphalt in der Mittagshitze, die Kränze aus Wildblumen, die dunkelroten Erdbeeren, die es zum Nachtisch gab, das Abspritzen mit dem Gartenschlauch auf der Wiese, wenn die Wärme unerträglich wurde. Barbara Schwarcz hat dieses Gefühl des Wartens sehr gut eingefangen und gleichzeitig eine aufgeweckte Siebenjährige porträtiert, die die Welt der Erwachsenen aus verwunderten Augen beobachtet und es gleichzeitig nicht abwarten kann, dazuzugehören. Man möchte ihr den Tipp geben, dass sie sich diese Unbeschwertheit unbedingt bewahren soll…

Barbara Schwarcz
Sommerverschwendung
Picus Verlag, 2019
Gebunden, 216 Seiten, 22,-€
Erscheint im Juli

1 Kommentare

  1. Wunderbar, danke Julia – das hat mich richtig lesehungrig gemacht!

    Da werde ich wohl morgen tatsächlich durch Berlins momentanen Bilderbuchsommer zu meinem Lieblingsbuchladen laufen …

    Ganz herzlichen Dank für diese Anregung und eine sorglose, lesefutterreiche Zeit
    Bianka

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