Die unerträgliche Schwere des Seins

Dings

Roman Markus schreibt in „Dings oder Morgen zerfallen wir zu Staub“ über einen Mittzwanziger in der „Quarter Life Crisis“. Das ist manchmal etwas quatschig.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, was für ein Lebensgefühl ihr mit Anfang, Mitte Zwanzig hattet, was euch im Leben wichtig war, womit ihr eure Zeit verbracht habt? Ich weiß es noch ganz genau – denn viel davon habe ich in meinem Berlin-Logbuch von 2005 notiert. Und tatsächlich erinnert mich das Romandebüt Dings oder Morgen zerfallen wir zu Staub in mancher Hinsicht an meine eigenen Texte: lakonische bis flapsige Sprache, Ironie und Zynismus und eine Flut aus Sprachbildern. Und mittendrin ein Mensch, der auf der Schwelle zwischen Teenager und Erwachsenem steckt.

Das trifft auch auf die Hauptfigur von Roman Markus zu. Dings (so nennt er sich und so wird er auch immer wieder von anderen Figuren angesprochen) verliert von einem Tag auf den anderen nicht nur seinen Job als Teletexter, sondern auch seine Freundin Doreen. Die geht nach Berlin, weil man da jetzt hin muss und alles so schön durcheinander ist. Zwei Hinweise auf die Zeit also: Die Geschichte spielt Anfang der 1990er Jahre, die Mauer ist zwar schon offen, aber im Stadtbild noch sichtbar. Zunächst aber nicht für Dings, denn der wohnt in Wien.

Ohne Job und ohne Freundin und dann auch noch ohne Wohnung, fällt der junge Mann erstmal vorne über. Bis er durch seinen engsten („nicht besten“, wie er stets betont) Freund JC an eine Gruppe von nouvelle rich kids gerät, die ihm ein altes Bezirkskino überlassen. Eigentlich wollten sie – der Vater einer der Damen ist Immobilienmakler und hat das Gebäude gekauft – das Haus besetzen, aber so richtig komfortabel ist es eben doch nicht und die Altbauwohnung in der Innenstadt viel schöner. Also zieht Dings mit seiner spärlichen Habe in eine der Wohnungen und hat fortan die Aufgabe, einmal die Woche einen Kinofilm in die verstaubte Technik einzulegen. Meistens kommen drei oder vier Zuschauer.

Dings

Drumherum bleibt Dings viel Zeit, um über sein Leben nachzudenken. Das fühlt sich für ihn ziemlich verkorkst an, er müsste dringend etwas ändern. Aber was? Ist auch nicht so einfach, wenn man gar nicht weiß, was man eigentlich will. Er leidet an sich selbst. Aus Mangel an Ideen ertränkt Dings seine Sorgen in Alkohol:

„Nachher fühle ich mich, als ob ich den euphorisch betrunkenen Teil übersprungen hätte, statt Heiterkeit stürze ich in einen kalten See aus Melancholie. […] Eigentlich hasse ich mein Leben. Diese kalte Traurigkeit im Rausch.“

 

Ja, Sorgen in Alkohol zu ertrinken ist schwierig, denn die Biester können halt schwimmen! Platter Spruch, ich hätte ihn aber fast in diesem Text erwartet. Denn Dings hat einige Plattitüden im Repertoire, dazu kommen unzählige Metaphern und Vergleiche, gefühlt jeder zweite Satz enthält eine:

„Der Himmel ist eine dünne Leinwand aus Papier, die von hinten mit Licht angestrahlt wird, die Wolken werden zu in Blut getauchte Wattebäusche, und an einzelnen Stellen leuchtet der blitzblaue Himmel, er wirkt wie die peinliche Unterhose, die durch aufgerissene Löcher im Stoff hindurchscheint.“

 

Dings lässt sich durch den Sommer treiben, begleitet von seiner geheimnisvollen Zufallsbekanntschaft Jo, steigt in verlassene Gebäude ein und spuckt vom Dach, ist ein Würstl nach dem anderen und wacht mehrmals die Woche völlig verkatert und mit Filmriss an fremden Orten auf. Zwischendurch fliegt er mit JC nach Berlin, wo er in ranzigen Kellerbars säuft, was soll man auch sonst tun im Berlin von 1990 (und wie soll man es ohne Klischees beschreiben, wenn man, wie der Autor, erst 1991 geboren wurde). Das ist alles nicht spannend, aber durchaus lustig zu lesen, vor allem, weil Roman Markus inmitten der Metaphernflut immer mal wieder schöne Sätze raushaut wie:

„Scheiße, ich bin irgendwann erwachsen geworden
und das geht nicht mehr weg“

 

Am Ende des Sommers steht Dings erneut vor der Umwälzung seiner Lebensverhältnisse, wenn man das überhaupt so nennen kann und dann fliegt mit einem Knall alles in die Luft. Ob Roman Markus hier wirklich gut die Unschlüssigkeit und das In den Tag hinein leben einer Lebensphase beschrieben hat oder ob sich hier nur Klischee an Klischee reiht, weil der Erzähler sich am Aufbau eines Kinofilms orientert, bleibt ehrlich gesagt fraglich. Das kommt mir alles allzu bekannt vor, – been there, done that – und vielleicht konnte es mich deshalb nicht überzeugen. Für dieses Buch habe ich mich tatsächlich zu alt gefühlt.

Roman Markus
Dings oder Morgen zerfallen wir zu Staub
Droschl Verlag, 2020
Gebunden, 232 Seiten, 22 Euro

Foto oben: Christopher Campbell/Unsplash