Die Verwirrungen des Friedeward Ringeling

Friedeward

Spröde Sprache für ein emotionales Thema: Christoph Hein erzählt in „Verwirrnis“ die Geschichte einer homosexuellen Liebe.

Friedeward liebt Wolfgang und Wolfgang liebt Friedeward – eine Tatsache, über die man nicht weiter reden müsste, schriebe Christoph Hein über die Gegenwart. Doch Verwirrnis beginnt in den 1950er Jahren in Ostdeutschland und noch dazu im katholisch geprägten Städtchen Heiligenstadt: Die Liebe zwischen zwei Männern wird dort als Sünde angesehen, Homosexualität ist – in der DDR ebenso wie in der BRD – durch den Paragraph 175 per Gesetz verboten.

Um das zarte Band ihrer Zuneigung ausleben zu können, müssen Wolfgang und Friedeward ihrer Umwelt vorspielen, die langen gemeinsamen Fahrradreisen und Zelturlaube am Meer seien nichts weiter als Ausdruck einer innigen Freundschaft – vor allem Friedeward, der von seinem altmodischen Vater zuhause bis ins späte Teenager-Alter mit dem „Siebenstriemer“ gezüchtigt wird, liegt viel an der Verheimlichung ihrer Liebe.

Der Abnabelungsprozess aus dem strengen Elternhaus beginnt, wie es bis heute passiert, mit dem Auszug Friedeward zum Studium nach Jena; Wolfgang zieht nach Leipzig und auch Friedeward wechselt nach kurzer Zeit die Universität, um in Leipzig Germanisitk zu studieren. Ihre Bekanntschaft mit Jacqueline, einer unkonventionellen jungen Frau, die in einer – ebenfalls nicht öffentlichen, aber auch nur notdürftig vertuschten – lesbischen Beziehung mit einer Dozentin lebt, bringt Lockerheit in das Leben aller vier. Doch geht die Beziehung zwischen den Männern dennoch zu Bruch – viel zu früh und plötzlich, denkt man als Leser und überlegt, was die Geschichte nun noch zu bieten haben wird.

Friedeward

Spröde, unnahbar, kühl

Christoph Hein verfolgt das Leben Friedeward über mehrere Jahrzehnte, er beschreibt dabei die nicht endenden wollenden Zweifel, Ängste und vor allem die Scham, der sich Friedeward völlig ergeben sieht: Selbst als die DDR 1968 den Paragraf 175 abschafft, fürchtet der Germanistik-Professor sich vor dem Ausstoß aus der Gesellschaft – womöglich zu recht.

Was irritiert an dem Roman ist die Sprache: Während die erst zögerlichen, dann mutigeren sexuellen Begegnungen zwischen den beiden jungen Männern in einer fast poetischen, an die Romane von Hermann Hesse erinnernden Sprache geschildert werden, zieht Hein seinem Protagonisten als Folge der Trennung und des Rückzugs jegliche Leidenschaft aus der Sprache und somit auch aus seinen Gedanken und Handlungen. Spröde und unnahbar wirkt Friedeward durch die bis auf das kalte Gerüst skelettierten Sätze, kein ausschmückendes, wärmendes Wort gönnt der Autor seinen Figuren. So aufgeräumt und kühl wie die Formulierungen wird auch Friedewald geschildert:

„Friedeward Ringeling – und da waren sich selbst seine engsten Freunde einig – war ein Original, ein kostbares Relikt aus der Welt der Großmütter […] Er war jederzeit korrekt gekleidet, keiner der Freunde konnte sich, wie sie einräumen mussten, daran erinnern, ihn je unrasiert oder auch nur ohne Krawatte gesehen zu haben.“

Verwirrnis ist ein starker Roman, der gleichzeitig, nun ja, verwirrt: Wieso hält Friedeward bis zum Lebensende daran fest, sich nicht zu seiner Homosexualität zu bekennen? Ist es wirklich der bessere Weg, seine ureigenen Gefühle zu unterdrücken, um in der Gesellschaft sein Gesicht zu wahren? Christoph Hein weiß diesen lebenslangen Kampf seiner Hauptfigur gut zu schildern und lässt gleichzeitig auf lange Strecken den Leser am langen Arm verhungern: Was Friedeward wirklich denkt, fühlt, wünscht – diese Tür zu seinem Inneren wird er uns nicht öffnen.

Christoph Hein
Verwirrnis
Suhrkamp, 2018
Gebunden, 303 Seiten, 22,-€

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