Durch Mauern gehen

Javier Téllez, Shadow Play, 2014 /Filminstallation, 35mm Filmprojektion, stumm, schwarzweiß, 10:56 Min, Filmstill Courtesy: der Künstler & Galerie Peter Kilchmann

30 Jahre nach 1989 widmet sich auch der Gropius Bau dem Thema Mauer – und zwar der in unseren Köpfen. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut.

In diesem Herbst kommt man in Berlin nicht um das Thema herum: Vor drei Jahrzehnten versammelten sich tausende Menschen in Ost-Berlin und dem Rest der DDR auf der Straße, um für Freiheit und Demokratie zu kämpfen, später gab man der Bewegung den Titel „Friedliche Revolution“. Dass sich die Grenzen zwischen Ost und West am 9. November öffneten, geht auf den wohl berühmtesten gestammelten Satz der Geschichte zurück: „Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich“, suchte Günther Schabowski nach Worten. Der Rest ist Geschichte.

Wie schaut es also aus, dreißig Jahre nach Mauerfall und „Wiedervereinigung“? Unzählige Symposien, Lesungen, Workshops, Führungen, Mitmach-Aktionen und Ausstellungen setzen sich in diesem Jahr mit der Frage auseinander. Eine davon ist die Ausstellung „Durch Mauern gehen“, die am 11. September im Gropius Bau eröffnet wurde. Im Mittelpunkt in der von Sam Bardaouil und Till Fellrath kuratierten Schau steht nicht in erster Linie die Berliner Mauer – auch wenn sich das Haus in der Niederkirchnerstraße direkt an den Resten des „antifaschistischen“ Schutzwalls befindet – sondern „die Mauer in den Köpfen“.

Dass diese bei vielen höchst stabil zu sein scheint, beweist dann ausgerechnet die Leiterin der Kommunikationsabteilung der Kulturstiftung des Bundes, die die Ausstellung finanziert, bei der Pressekonferenz: Im Osten sei eigentlich gar nicht alles „anders“, wenn man ihn mit anderen europäischen Ländern vergleiche, in denen die Rechtspopulisten rasant auf dem Vormarsch seien; auch im Osten erreichten diese Parteien hohen Prozentzahlen bei den Wahlen, anders als in Westdeutschland, führt sie an. Eine Pauschalisierung des ehemaligen DDR-Gebietes als rechtsorientiertes „Dunkeldeutschland“? Es scheint, als sei hier ebenfalls noch Aufklärungsarbeit vonnöten.

Dara Friedman, Whip Whipping the Wall, 1998–2002 / Digitalisierter Super 8 mm Film in
Farbe, Ton, 15 Min. / Dara Friedman, Courtesy: die Künstlerin; Galleria Massimo Minini & Gavin Brown’s enterprise, New York/ Rom

Die leistet die Ausstellung zwar nicht konkret, doch regt sie definitiv zum Nachdenken an. Warum bauen Menschen überhaupt Mauern? Um ihr Eigentum zu schützen, aus Angst vor Fremden, um sich abzugrenzen von anderen Menschen. Wie lassen sich diese Mauern – die physischen wie die geistigen – überwinden?

Im Falle der Arbeit „Mother’s Day“ von Smadar Dreyfus nur mittels Megafon: 2006 geriet die Künstlerin zufällig in eine Versammlung von syrisch-drusischen Studierenden auf dem so genannten „Shouting Hill“; dieser befindet sich auf den Golanhöhen, die eigentlich zu Syrien gehören, aber von Israel 1981 annektiert wurden. Wer zum studieren nach Damaskus gehen möchte, muss seine Familie im israelischen Teil zurücklassen – und konnte sich jahrelang nur mittels Megafon auf eben jenem „Hügel der Schreier“ mit seinen Angehörigen unterhalten. In einem komplett dunklen Raum von den rufenden Stimmen der Mütter und ihrer Söhne umgeben zu sein (die arabischen Worte werden auf einer Leinwand ins Englisch übersetzt), sorgt für eine Gänsehaut.

Melvin Edwards, Untitled, c. 1974-1975 / Wasserfarbe und Tinte auf Papier, 46,3 x 60,9 cm / Melvin Edwards & VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Courtesy: Alexander Gray Associates, New York; Stephen Friedman, London; Galerie Buchholz, Berlin

Die stellt sich auch bei der Klanginstallation von Emeka Ogboh ein. Zunächst wirkt es vertraut, dass aus zehn Lautsprechern die deutsche Nationalhymne erklingt. Doch bei genauerem Hinhören sind die eigentlich bekannten Worte nicht zu verstehen: Sie werden nämlich in zehn verschiedenen afrikanischen Sprachen gesungen. Ogboh, der in Nigera geboren wurde und unter anderem in Berlin lebt, stellt damit die Frage: Ab wann „gehört“ man zu einem Land – wenn man die Nationalhymne singen kann? In der Landessprache oder der eigenen Muttersprache? Welche Bedeutung haben Nationalhymnen überhaupt für die Identität eines Menschen?

Zwei starke Positionen sind das, die aus dem Rest der Ausstellung deutlich hervorstechen. Zwar wird auch in den anderen Arbeiten der insgesamt 28 Künstler*innen deutlich, welche Grenzen und Mauern unsere Gesellschaft spalten; manche von ihnen wirken jedoch zu naheliegend, zu platt. Wer sich darauf einlässt, kann aber einiges daraus mitnehmen – und vielleicht einen Teil der Mauer im eigenen Kopf abbauen.

Die Ausstellung „Durch Mauern gehen“ läuft vom 12. September 2019 bis zum 19. Januar 2020 im Gropius Bau in Berlin. Der Eintritt kostet 15€/10€ (und gilt für alle Ausstellungen im Haus).

Foto oben: Javier Téllez, Shadow Play, 2014 / Filminstallation, 35mm Filmprojektion, stumm, schwarzweiß, 10:56 Min, Filmstill / Courtesy: der Künstler & Galerie Peter Kilchmann

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