Ebbelwoi-Express: Mein Logbuch zur Frankfurter Buchmesse

Buchmesse

Die schönste Zeit des Jahres für Lesewürmer wie mich: Die Frankfurter Buchmesse. Ich hab traditionell halb-akribisch mein Logbuch über drei Tage Bücherwahnsinn geführt.

Mittwoch, 16. Oktober

7:28 Uhr, Berlin Hbf
Diesmal habe ich mich gegen den 6-Uhr-Express entschieden und starte erst anderthalb Stunden später Richtung FFM. Ich bin dennoch saumüde.

14 Uhr, Halle 4.1, Matthes & Seitz
Es geht los! Zunächst ein kurzer Panikanfall: ich hielt es für aussichtslos, in einer Stunde zu meiner Airbnb-Wohnung in Bornheim und zurück zur Messe zu kommen – und wurde dann wieder daran erinnert, dass Frankfurt nicht Berlin ist und die U-Bahn-Fahrt schlappe zehn Minuten dauert. Ich komme also pünktlich, wenn auch etwas außer Atem, bei Benjamin in Halle 4.1 ein. Was geht aktuell bei Matthes & Seitz? Das groß angekündigte Buch über Schleim (ja, Schleim) ist noch nicht da, irgendwas mit der Schrift, die nicht auf dem Cover hält (Spoiler: Einen Tag später hat es dann doch geklappt). Ich möchte, wie jedes Mal, so gut wie jedes Buch aus dem Programm mitnehmen, frage Benjamin aber stattdessen, was man seiner Meinung nach diesen Herbst unbedingt gelesen haben sollte? Die Nachkommende von Ivna Žic, meint er: Die Geschichte einer Frau, die auf einer langen Zugfahrt über die an- und abwesenden Männer in ihrem Leben nachdenkt und gleichzeitig eine Familiengeschichte erzählt. Klingt gut.

16 Uhr, Halle 3.0, Kein & Aber Verlag
It’s Gin Tonic ‚o Clock! Es ist kein Geheimnis, dass auf der Buchmesse eine Menge Alkohol fließt. Den Anfang macht heute Kein & Aber: Während wir im „Cube“ den interaktiven Buchvorstellungen zuschauen – sechs aktuelle Romane und Sachbücher wurden in einem kurzen illustrierten Film zusammengefasst – schlürfen wir das erste Kaltgetränk mit Umdrehungen. Erstes Zusammentreffen mit der Berlin-Blogger-Crew aus Isi von novellieren, Juliane und Stefan von Poesierausch und Lena und Nicola von Wortgelüste. Ich stoße mit Frank an, auf das Leben generell und seinen kürzlich bei Voland & Quist erschienenen Roman Fake. Den habe ich natürlich schon längst gelesen, behaupte ich – gebe dann aber zu, dass das (passenderweise) Fake-News sind: Ich bin erst zur Hälfte durch.

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18 Uhr, S. Fischer Verlag
Heute müssen Prioritäten gesetzt werden: Gehen wir als nächstes zum Empfang beim Wagenbach Verlag oder zum Umtrunk bei der Büchergilde oder lassen wir uns einfach durch die Hallen treiben? Nichts davon: Ich fahre mit Ilke von Buchgeschichten und Frank nach Sachsenhausen zum S. Fischer Verlag. In kleiner Runde mümmeln wir dort ein paar Häppchen, bevor wir – mit einem Glas exzellenten Weißwein ausgestattet – in den Aufzug steigen: Hier werden bei der Fahrt Richtung Dachterrasse jeweils zwei Romane aus dem kommenden Frühjahr gepitcht. Es kommt etwas von Ingo Schulze, ich freu mich! Auf dem Dach muss ich dann zugeben: Ja, diese Skyline von Frankfurt sieht schon ganz schick aus!

20 Uhr, Zum gemalten Haus
Unabdingbar in Frankfurt: Ebbelwoi. Isabella führt mich und Frank ins „gemalte Haus“ in Sachsenhausen, wo wir einen „gespritzten“ trinken. Nicht schlecht.

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22 Uhr, KiWi-Party im Gibson Club
Der KiWi-Verlag hat kürzlich seine Musikbibliothek gelauncht: Bekannte Autor*innen und Musiker*innen schreiben über Bands, die ihr Leben geprägt haben, z.B. Take That oder Nick Cave. Wie kann man diese ungewöhnliche Reihe besser feiern, als mit einer zünftigen Party? Noch besser als die Musik – man kann nach all den Jahren durchaus mal wieder zu „Coco Jambo“ und „Mambo No.5“ tanzen – sind die Sprüche, die rund um die Bücher ausgedacht wurden. „Another book in the wall“ oder „I ain’t no Houellebecq Girl“ sind schon ziemlich klasse. Ich weiß jetzt außerdem, dass ich auch 23 Jahre später noch tanzfest bei Macarena bin. Um 2 Uhr mache ich einen „polnischen Abgang“.

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Donnerstag, 17. Oktober

11 Uhr, Halle 4.1, Rowohlt Verlag
Natürlich bin ich verkatert. Trotzdem schaffe ich es pünktlich zum Rowohlt Verlag, wo Carolin mir und anderen Literaturbloggern – ich freue mich, Tobias von Buchrevier und Vera von Glasperlenspiel13 wiederzusehen – das Frühjahrsprogramm 2020 vorstellt. Ich nehme erstmal noch etwas aus dem Herbstprogramm mit; Patrick Bauer hat ein Buch über die Demo auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 geschrieben und der Titel singt mich an: Der Traum ist aus. Aber wir werden alles geben, dass er Wirklichkeit wird. Wäre auch ein guter Titel für ein Buch über Ton Steine Scherben, oder?

12.30 Uhr, Agora, Blogbuster-Preis
Der Blogbuster-Preis geht in die dritte Runde – und ich werde diesmal Teil der Blogger-Jury sein. Im hölzernen Pavillon auf dem Innenhof müssen wir alle einzeln auf die Bühne und kurz umreißen, mit welcher Art von Text man bei uns richtig liegt. „Ich lese gerne literarische Belletristik und Geschichten, die ich nicht schon tausend Mal gehört habe“ sage ich – kreativer wird es um die Uhrzeit noch nicht bei mir.

13 Uhr, Agora
Nicht alle Termine auf der Buchmesse haben mit Büchern zu tun: Seit vier Jahren schreibe ich regelmäßig Texte für das Magazin der Schirn Kunsthalle. Da die bekanntlich auch in Frankfurt sitzt, nutze ich die Möglichkeit und treffe mich mit der Chefredakteurin zum kurzen Plausch. Sie erzählt mir, dass mein Text über Synästhesie und Künstler*innen zu den Top 5-Texten der letzten Monate gehört – da bin ich dann doch ein wenig stolz.

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13.30 Uhr, Agora
Es ist Zeit für Pommes. Auch dies eine Tradition, eine sehr alte sogar: Jahrelang habe ich auf der Messe mindestens einmal mit meinem Vater Currywurst oder Pommes gegessen. Weil er schon seit einigen Jahren nicht mehr lebt, ich aber noch immer auf die Messe fahre, führe ich das einfach alleine fort – an diesem Tag habe ich aber Gesellschaft von Juliane von Poesierausch, Anne von Fuxbooks und Marius von Buch-Haltung. Mit dem übe ich später, wie man auf Fotos so richtig schön schielt.

14.30 Uhr, Halle 4.1, Schöffling Verlag
Was ich besonders an unserer „Literaturblogger-Gang“ mag: Man nimmt sich gegenseitig zu Terminen mit und kann so Kontakte auch zu den Verlagen knüpfen, mit denen man bisher noch nicht in Verbindung stand. Heute ist das für mich als erstes der Schöffling Verlag: Carolina stellt uns das Frühjahrsprogramm vor, eine wilde Mischung aus Romanen und Gedichtbänden. Für mich ein Muss: Der neue Roman von Irina Liebmann, der wie immer in Berlin spielt.

15 Uhr, Halle 4.1, mare Verlag
Noch ein Verlag, den ich bisher immer nur aus der Ferne angehimmelt habe: Der mare Verlag. Wie der Name schon andeutet, drehen sich die Bücher fast immer um das Meer oder Natur und Wasser im weiter gefassten Sinne. Bettina versorgt uns mit Schweppes und Schoko-Brownies, auch hier erhaschen wir einen Blick in das kommende Programm. Ich lege Ein anständiger Mensch von Jan Christophersen in meinen Beutel, die Geschichte eines Ehepaares, das sich größtmögliche Freiheiten in der Liebe lassen möchte – und dann bei einem Wochenende mit einem befreundeten Paar diesbezüglich an die Grenzen stößt. Und was muss man in diesem Herbst sonst gelesen haben, wenn es nach Bettina geht? Kanalschwimmer von Ulrike Draesner!

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15.30 Uhr, Halle 4.1, Suhrkamp
Endlich, es gibt wieder einen neuen Suhrkamp-Beutel! Tatsächlich hat mich das dunkelblaue Exemplar von der letzten Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr auf langen Wanderungen durch Schottland und die Sächsische Schweiz begleitet und ist mittlerweile dementsprechend hinüber. Im Beutel befindet sich das Buch 2029 – Geschichten von Morgen, jedes mit einem individuellen Farbverlauf. Dazu bekommt jeder ein persönlich für ihn bzw. sie ausgewähltes weiteres Buch: Die Frau von Annie Ernaux komplettiert meine Sammlung der französischen Chronistin. Auf den Tipp von Demian reagiere ich dann etwas pikiert, er empfiehlt mir die Glossen einer Journalistin über das älter werden – unangenehm, hatte ich doch noch am Morgen verschlafen die Falten um meine Augen gezählt! Am Abend schmunzeln wir noch immer darüber, seine Verknüpfung zu mir war natürlich der Journalismus, auch wenn ich ohne Zweifel älter werde… (Ich hab das Buch dankend abgelehnt und eingetauscht in Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten von Emma Braslavsky, weil Berlin und so).

17 Uhr, Halle 3.0, Hanser Verlag
Der Hanser Verlag hat zur Cocktail Happy Hour geladen, dann gibt es allerdings gar keine Cocktails, sondern Sekt – nichts, worüber ich mich beschweren würde, denn hier kommen stets alle zusammen, die mir wichtig sind. Wir planen den weiteren Abend.

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18 Uhr, Halle 4.1, Die unabhängigen Verlage
Traditionell am Donnerstag, wird „aus der Reihe getanzt“: Die unabhängigen Verlage tummeln sich fast alle in  zwei langen Reihen der Halle 4.1 und stoßen gemeinsam an, auf die Literatur, das Leben, die Liebe oder so ähnlich. Wir sind mittendrin, man kommt kaum durch die Menschentrauben hindurch, Frank zündet sich eine Zigarette an. Darf er eigentlich nicht, aber an diesem Abend scheinen die Regeln wie die Krawatten gelockert zu sein. Pinkfisch-Sarah freut das.

21.30 Uhr, Mantis Rooftop, Hanser Party
Es regnet in Strömen, wir haben zu dritt nur einen Schirm und meine beigen Budapester-Schuhe sind ganz dunkel vor Nässe. Auf dem Mantis Rooftop irgendwo in der Innenstadt ist es schön warm dank etlicher Heizpilze (sind die nicht eigentlich verboten?) und wir bester Laune. Doch ich merke schnell, dass mir die letzte Nacht und der Messetag in den Knochen sitzen und mache mich kurz nach Mitternacht schon auf die Socken.

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Freitag, 18. Oktober

10 Uhr, Halle 3.0, KiWi-Verlag
Tag 3 der Messe und ich bin einigermaßen ausgeschlafen. Trotzdem freue ich mich wie ein Schneehase auf das Frühstück vom KiWi-Verlag und – das passiert mir sonst selten – auf den bereitgestellten Filterkaffee. Dana von Suffrin ist da, um ihren Debütroman Otto vorzustellen; den hab ich schon an einem herrlichen Spätsommertag in einem Rutsch durchgelesen, mit einer Mischung aus Freude über die unverbrauchten Sprachbilder der Autorin und Ärger über diese schamlose, unsympathische Hauptfigur, den Patriarchen Otto. „Ich wollte einen kritischen Blick auf das Konzept Familie werfen, auch wenn der niemandem weiterhelfen wird“, erzählt die Autorin schmunzelnd. Jede Familie, meint sie, habe ihre eigenen Verkorkstheiten. Dem kann ich nur zustimmen.

11 Uhr, Halle 3.0, Eichborn Verlag
Der Kaffeehaussitzer Uwe arbeitet seit kurzem beim Eichborn Verlag und hat an diesem Tag die Seiten gewechselt: Er präsentiert Marius und mir das kommende Programm: Franziska Hauser schreibt was neues, yeah! Aus den aktuellen Büchern, und das passt ja auch zum Norwegen-Schwerpunkt, empfiehlt Uwe Simon Stranger Vergesst unsere Namen nicht. In meiner Mittagspause lese ich ein paar Seiten und bin sofort überzeugt.

12 Uhr, Agora, Buchblogger-Award
Dritte Runde Buchblog-Award, mit etlichen Nominierten, von denen ich ehrlich gesagt viele nicht kenne. Umso größer ist die Freude, dass Nicole vom Nacht und Tag-Literaturblog das Rennen als bester Blog macht: Sie ist Teil des neuen We read Indie-Teams, zu dem auch ich gehöre.

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15 Uhr, Hotel Nizza, Büchergilde
Mein Nachmittagstermin führt mich aus den Messehallen heraus: Die Büchergilde hat zur „Tea Time“ in ein hübsches Hotel im nicht ganz so hübschen Bahnhofsviertel geladen. Der Anlass ist das Erscheinen der illustrierten Ausgabe von Alan Bennetts Roman Die souveräne Leserin: Als die Queen eines Tages zufällig einen Bücherbus entdeckt und sich ein Buch ausleiht, ist es um sie geschehen – sie vernachlässigt fortan ihre royalen Pflichten, weil sie nur noch mit der Nase zwischen den Buchdeckeln hängt. Kai Würbs hat die Illustrationen beigesteuert und erzählt uns, wie er dabei vorgegangen ist. Für das aktuelle Magazin der BüGi habe ich das schmale Bändchen besprochen, für mich ist es also eine besondere Freude, an diesem Nachmittag noch einmal mehr darüber zu erfahren.

16.45 Uhr, Halle 4.1, Wallstein Verlag
Der erste Sekt des Tages beim Wallstein Verlag, der Gang ist rappelvoll. Ich stoße an mit Benjamin und Marius, letzterer und ich pitchen unsere beiden (mit einem Augenzwinkern) geplanten Buchprojekte: Unter anderem Unsere Mütter, unsere Feta – Die Geschichte einer griechischen Käse-Dynastie. (die andere Idee verrate ich nicht).

17.30 Uhr, Halle 3.1, Klett-Cotta
Weiter geht der Reigen beim Klett-Cotta-Verlag. „Du musst unbedingt Raphaela Edelbauer lesen!“ (Hab ich schon) „Wo ist der Mann mit der Sektflasche?“ (da drüben) „Was gehen wir gleich essen?“ („Grie‘ Soß“, klar).

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19 Uhr, Zum gemalten Haus
Schon wieder in dieser Ebbelwoi-Kneipe gelandet! Isabella bestellt uns, wir sind immerhin zu acht, einen großen „Bembel“ mit Apfelwein. Ich mache daraus mit Sprudelwasser einen „Gespritzten“, wirklich ganz lecker. „Wird der Wein nicht schal, wenn man ihn so lange im Krug stehen lässt?“, frage ich. „Der ist schon so schal, schaler geht gar nicht!“. Achso! Als uns die „Grüne Soße“ serviert wird (in der Runde wird selbstredend auch „Handkäs mit Musik“ gegessen) und dann auch noch auf einer Leinwand das Eintracht-Spiel übertragen wird, fühle ich mich ein wenig überfordert von soviel Frankfurt-Folklore…

21.30 Uhr, Literaturhaus, Party der Unabhängigen Verlage
Letzter Programmpunkt dieser Messe: Die Party im Literaturhaus! Ein paar von uns zittern ob der Frage, wie die Musikauswahl diesmal sein wird, letztes Jahr (ebenso in Leipzig) war sie eher unterirdisch. Wird dann doch nicht so schlimm, vielleicht ist auch meine Hemmschwelle in den letzten Tagen gesunken? „Whoomp (there it is)“ wird das Lied meiner diesjährigen Messe sein, definitiv. Wir sitzen abwechselnd auf der stattlichen Treppe im Literaturhaus oder draußen, es ist zwar nicht so sommerlich warm wie 2018, aber durchaus ohne Jacke erträglich. Langsam fallen mir die Augen zu, aber ich denke: „Nein mann, ich will noch nicht gehen!“. Denn wenn ich jetzt gehe, ist die Messe für mich vorbei! Aber es hilft ja nichts. Gegen zwei liege ich in den Federn, völlig erschöpft und randvoll mit Glückshormonen.

Was für eine außerordentlich schöne Messe, es war mir wie immer ein inneres Blumen pflücken! Wir sehen uns in Leipzig, ihr Bücherhasen!

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