Ein Backfisch am Bauhaus: „Blaupause“ von Theresia Enzensberger

BauhausLabanschule: Paargruppierung, Foto: G. Riebicke, aus: Fritz Giese: Körperseele, Gedanken über persönliche Gestaltung, München ca. 1924 / via 100 Jahre Bauhaus

Eine junge Frau studiert am Bauhaus und kämpft für ihre Selbstbestimmung als Frau: Theresia Enzensberger lässt in ihrem Roman die 1920er Jahre aufleben.

„Liebe Luise, Deine Mutter und ich sind zu dem Schluss gekommen, dass Dein Aufenthalt am Bauhaus in Weimar nicht länger sinnvoll ist. Wir haben Dir einen Platz im Pestalozzi-Fröbel-Haus in Schöneberg gesichert, wo du bereits im Juni anfangen wirst.“

Was für eine Ernied­ri­gung! Als Luise Schil­ling den Brief ihres Vaters, ein reicher Berli­ner Indus­trie­ma­gnat, erhält, ist sie empört – und fügt sich dennoch. Denn man beißt nicht die Hand, die einen füttert. Und die finan­zi­elle Unter­stüt­zung ihrer Eltern hatte Luise das Studium an der Bauhaus-Univer­si­tät in Weimar und später in Dessau über­haupt erst möglich gemacht.

Dass sie sich dort 1920 bewor­ben hatte, war zunächst nicht auf viel Gegen­liebe in ihrer Fami­lie gesto­ßen; doch als sie erfuh­ren, dass es am Bauhaus auch eine Webwerk­statt gibt, in der ihre Toch­ter auch etwas für eine Frau nütz­li­ches lernen könnte, willig­ten sie schließ­lich ein. Doch Luise, das wird schnell klar, hat über­haupt nicht vor, sich an den Webstuhl zu setzen.

Sie will Archi­tek­tin werden und den Häuser­bau revo­lu­tio­nie­ren, will sich lossa­gen von dem wilden Mix aus histo­ri­sie­ren­den Stilen, der bislang herrschte, hin zu einer klaren, struk­tu­rier­ten Bauweise. Zunächst landet sie aller­dings im Vorkurs von Johan­nes Itten und dem Kreis seiner Mazdaz­nan-Jünger – irgendwo muss man ja schließ­lich dazu­ge­hö­ren. Und außer­dem hat es ihr der hübsche Jakob ange­tan.

BauhausDenn künst­le­ri­sche Revo­lu­tion hin oder her: Luise ist vor allem auch auf der Suche nach sich selbst und ihrer Sexua­li­tät bzw. ihrem Wunsch, sich als vorsich­tig eman­zi­pierte Frau welt­ge­wandt und tole­rant zu geben. Allzu ausschwei­fend darf es aber auch wieder nicht sein, zu viel Frei­zü­gig­keit wie in den Nacht­lo­ka­len Berlins irri­tie­ren sie:

„Man sieht schwer geschminkte Gesichter, glitzernden Modeschmuck, gefährlich kurze Röcke, Frauen in Fracks und Smoking, Männer in Abendkleidern und halbnackte Jungen, die auch Mädchen sein könnten. Ich finde das alles höchst merkwürdig, die lüsterne Stimmung ist mir unheimlich, am liebsten würde ich sofort wieder umdrehen und nach Hause gehen.“

Luise ist gefan­gen zwischen den Ansprü­chen, die sie an sich selbst stellt und den Rollen­bil­dern, von denen auch die Lehrer und Kommi­li­to­nen am Bauhaus noch stark durch­drun­gen sind: Johan­nes Itten schickt sie, als hätte er sich mit dem Vater abge­spro­chen, nach dem ersten Jahr in die Webe­rei und Walter Gropius lobt ihre archi­tek­to­ni­schen Ideen zwar, weißt sie aber darauf hin, dass es nicht ganz ihre Kragen­weite sei, gleich eine ganze Sied­lung bauen zu wollen. Später gibt er ihre Entwürfe als seine eige­nen aus.

Die poli­ti­schen Verhält­nisse der Nach­kriegs­zeit mit dem lang­sam stär­ker werden­den Natio­nal­so­zia­lis­mus verwir­ren Luise und erre­gen Zwei­fel an ihrem Leben in der Bauhaus-Blase. Wie können ihre Kommi­li­to­nen fasten, während viele Menschen aufgrund der Infla­tion kaum etwas zu essen haben? Wieso wird am Bauhaus so selten über Poli­tik gespro­chen, die zu der Zeit doch mehr als bedroh­li­che Anzei­chen aufweist?

Es ist ein tägli­cher Kampf um die Aner­ken­nung ihrer künst­le­ri­schen Fähig­kei­ten einer­seits und ihre Eman­zi­pa­tion als junge Frau ande­rer­seits, die Luise schwan­ken lässt wie eine schlecht verar­bei­tete Konstruk­tion auf dem tradi­tio­nel­len Later­nen­fest. Doch wenn der Protest ausbleibt, hilft es auch nicht, dass sie sich – wie man das in den 1920er Jahren eben machte – einen Bubi­kopf schnei­den lässt und sich an den Atti­tü­den der „Neuen Frau“ versucht.

Weib­li­che Selbst­be­stim­mung und sexu­elle Eska­pa­den, klischee­hafte Rollen­bil­der, der lauter werdende Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land und mitten­drin der Wunsch nach einem „neuen Menschen“ am Bauhaus: There­sia Enzens­ber­ger hat sich für ihren Roman ein Jahr­zehnt ausge­sucht, welches rück­bli­ckend dich­ter und komple­xer nicht sein könnte. Dies alles in einem schlüs­si­gen, flie­ßen­den Roman unter­zu­brin­gen ist ein ambi­tio­nier­tes Unter­fan­gen und glückt der Auto­rin leider auch nicht immer.

Zu viele Details – oft ohne jegli­che Rele­vanz für die Hand­lung und nur als Zeit­ko­lo­rit erwähnt – lassen den Text oft über­frach­tet und schlep­pend wirken; dazu trägt die durch­gän­gige Ich-Perspek­tive der Haupt­fi­gur in Echt­zeit, die Luise keiner­lei Refle­xion ermög­licht, zu der haar­sträu­ben­den Naivi­tät der jungen Frau bei, die sich stän­dig um sich selbst dreht.

Und doch beschreibt „Blau­pause“ – es ist das Roman­de­büt der jungen Jour­na­lis­tin, Verle­ge­rin – mit eindring­li­chen und authen­ti­schen Bildern den Studi­en­all­tag an einer außer­ge­wöhn­li­chen Hoch­schule und über­rascht damit, dass gerade an diesem vermeint­lich so fort­schritt­li­chen Ort die Geschlech­ters­te­reo­ty­pen der Zeit wie eine gläserne Decke den Aufstieg versperr­ten. Der Weg einer jungen Frau in den aufre­gen­den Wirren der Weima­rer Repu­blik mag stel­len­weise etwas bemüht wirken, doch lohnt die Lektüre für alle, die mehr über die Atmo­sphäre am Bauhaus in den „wilden Zwan­zi­gern“ erfah­ren möch­ten.

Theresia Enzensberger
Blaupause
Hanser, 2017
Hardcover, 256 Seiten, 22€
ISBN 978-3-446-25643-9

Dieser Text erschien zuerst im Schirn Mag der Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main.

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