Ein Geländeroman: „Hain“ von Esther Kinsky

Hain

Wie verändert ein persönlicher Verlust die Wahrnehmung der Umgebung? Esther Kinsky hat mit „Hain“ einen spröden, aber durchaus reizvollen „Geländeroman“ geschrieben.

Es ist einer dieser Romane: Hain von Esther Kinsky, in diesem Frühling mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, funktioniert am besten, wenn man sich Zeit nimmt. Erst wenn der Kopf frei ist und das Auge sich zwischendurch immer wieder mit einem Blick auf das Meer oder eine sattgrüne Wiese erholen kann, kommt die spröde, auf ihr Wesentliches reduzierte Sprache zu voller Geltung.

Auf drei Reisen schickt die Autorin ihre Ich-Erzählerin: Zwei Reisen nach Italien, eine Reise in die eigene Kindheit. Sowohl die realen als auch die gedanklichen Ausflüge sind der Versuch der Protagonistin, mit dem kürzlichen Tod ihres Lebenspartners zurechtzukommen. Über ihr Gemüt hat sich ein Grauschleier gelegt, der die Empfindungen einerseits stumpf macht, andererseits die Sinne schärft: Anhand zögerlicher, langsamer Erkundungen erarbeitet sie sich die Umgebung italienischer Dörfer abseits der touristischen Höhepunkte.

Es sind die unwirtlichen Un-Orte an der Peripherie der Zivilisation, die staubigen und vermüllten Abhänge, die mit Industrie verbauten Ufer an Meer und Flüssen, die sie anziehen – und immer wieder die Friedhöfe. Sie streift durch das Gelände und beobachtet mit scharfem Blick, bleibt jedoch stets zurückhaltend:


„Anfang März begannen die Mimosen an den Südhängen in Olevano zu blühen. Gelbe Wolken im Brombeergebüsch, zwischen zwergichtem Immergrün, noch kahlen Weiden, blassen Schilfstengeln. Ich hörte Grauammern und Feldlerchen in den Brachen zwischen Olivenhaine und Weinfeldern und immer wieder den Grünspecht.“

Hain

Bereits als Kind war sie mit ihrer Familie regelmäßig nach Italien gereist, der Vater beherrschte die Sprache und weckte die Faszination für die Landschaft in den Augen seiner Kinder. Auch die Erinnerungen an ihn werden in den Ortsbegehungen lebendig, auch hier der nüchterne Blick zurück, die scheinbar emotionslose Dokumentation längst vergangener Gegebenheiten. Wie viel bleibt von einem Menschen, wenn er verstorben ist? Wie lange können wir seine Stimme, seinen Geruch, seine Gesten in unserer Erinnerung lebendig halten? Über allem liegt dabei eine Ruhe, eine Leere, die durch nichts zu füllen ist. Die Sprache ist radikal entschlackt und ästhetisch ausgenüchtert. Das faszinierte auch die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse, die ihre Wahl wie folgt begründete:


„Was für ein stilles, kaum bewegtes, menschenarmes Buch. Seine Farben mangels ausreichender Sättigung vorwiegend im Graubereich. Und seine Ich-Erzählerin eine bloße Hülle, die sich am liebsten davonstehlen würde. Denn an ihr, einer Trauernden, die ihren Lebensgefährten verloren hat, nagt eine Leere, die sich mit der Leere der Umgebung paart.“

Es ist kein leichtes Buch, dass Esther Kinsky hier vorgelegt hat, es zieht den Leser nicht in den Bann, es bettelt nicht um Aufmerksamkeit. Dennoch entwickelt es einen teilweise fast schon unangenehmen Sog in die Schwermut, man muss sich stramm an den Buchdeckeln festhalten, um nicht hineingerissen zu werden in das Grau der Trauer und Mutlosigkeit. Hain ist ein Roman, für den man Widerstandskraft und Ausdauer braucht – und der gerade deswegen wirklich ein außergewöhnliches Stück Literatur darstellt.

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