Ein Märchen aus Prenzlauer Berg

Berlin Prenzlauer Berg

Im Herzen von Prenzlberg

Vor kurzem war es mal wieder so weit. Ein Blick in den Kühlschrank verrät mir: die Butter ist alle! Aber zum Glück gibt es ja den „Vietnamesen auf der Ecke“, der für solche Zwecke ein Sortiment bereithält, das keine Wünsche offen lässt.

Ich hüpfe in Flip Flops die wenigen Meter zum Eckladen, packe noch ein paar Tomaten und Avocados in den Korb, vielleicht auch eine Sonnenblume für den Küchentisch? An der Kasse erwidere ich das Lächeln der Verkäuferin und blicke kurz über die Schulter, ob ich vielleicht den kleinen Sohn sehen würde, der mit einer großen geschnitzten Holzpuppe im hinteren Bereich des Ladens spielt – „Moooooment!“, erwischt mich mein Gehirn. Holzpuppe, kleiner Junge, vietnamesischer Eckladen? Du bist hier nicht in „Sungs Laden„!

Achja, richtig! Erneut hatte ich also Realität mit Fiktion vermischt und war so in meiner aktuellen Lektüre aufgegangen, dass ich sie mehr als nur vor meinem inneren Auge wahr werden ließ. Doch wie schön wäre es, wenn das moderne Märchen aka. der Roman „Sungs Laden“ von Karin Kalisa, der maßgeblich in vietnamesischen Eckläden im Prenzlauer Berg spielt, Wirklichkeit würde?

Es beginnt mit einer harmlosen Aufgabe: Er solle ein „Kulturgut aus Vietnam“ zur „weltoffenen Woche“ in der Schule mitbringen, erzählt Minh seinem Vater Sung, dem Besitzer eines vietnamesischen Eckladens im Kiez. Sung ist in Berlin geboren und aufgewachsen, war noch nie in der Heimat seiner Eltern und schickt Minh daher zu seiner Großmutter. Die schnappt sich ohne zu überlegen ihre große Holzpuppe sowie ihren Enkel, verzaubert die gesamte Schulaula mit ihrer märchenhaften Geschichte – und setzt unbewusst eine Mini-Revolution in Gange, die von jetzt auf gleich den beschaulichen Prenzlauer Berg aufmischt.

9783406681882_coverPrenzlauer Berg steht Kopf

Zunächst ist es zunächst nur eine Lehrerin, die auf die Idee kommt, mit einem vietnamesischen Schreiner eine ganze Armada dieser Holzpuppen nachzubauen, um sie in einem kreativen Schülerprotest gegen die Raumnot an der Grundschule einzusetzen.

Doch schon bald steht der gesamte Stadtteil auf dem Kopf: Wer mit der Mode geht, trägt vietnamesische Kegelhüte, man trifft sich zu wöchentlichen Lerngruppen, in denen Deutsche vietnamesisch und Vietnamesen Deutsch lernen und genießt heiße „Phó“-Suppe. Eine Gruppe kreativer Fassadenkletterer beginnt damit, „Affenbrücken“ in luftiger Höhe zu bauen, mit denen sich deutsche Eckkneipen mit vietnamesischen Eckläden verbinden lassen, ohne dass man dabei die vielbefahrenen Straßen überqueren muss.

Alles scheint möglich, wir sind hier schließlich in Berlin! Dass das Ordnungsamt – obwohl die Affenbrücken nun wirklich nicht offiziell genehmigt werden könnten – häufiger mal ein Auge zudrückt, erklärt sich mit dem Zauber, der Berlin schon immer ausmacht:

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„War man nicht deshalb hiergeblieben, auch nachdem alles etwas reicher und verkniffener geworden war? War man nicht deshalb überhaupt einmal hierhergekommen, aus Stuttgart und Köln und Hamburg und Bremen und Aus Rostock und Meißen, und, ja, aus Karl-Marx-Stadt und aus Beratzhausen und Barsinghausen, Zinzow und Peetzig: eben weil man hier eine Sitzgruppe mit der U-Bahn transportieren konnte, ohne dumm angequatscht zu werden?“
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Der „Bionade-Biedermeier“ wird ordentlich durchgemischt: „Am Prenzlauer Berg blinzelte man in den Himmel und schaute zugleich tief in die eigene anarchische Seele, die ein bisschen Fett angesetzt hatte mit den Jahren.“ Und auf einmal wird vielen bewusst: Die ganzen Vietnamesen, die in den 1980er Jahren als Vertragsarbeiter in die DDR kamen und nach dem Fall der Mauer in Berlin – ihrem neuen Zuhause – geblieben sind, sie gehören zu uns! Sie sind keine namenlosen Verkäufer in altmodischen Eckläden, sie leben und lieben und streiten und lachen genauso wie wir! Auf einmal vermischen sich die Kulturen und das Standesamt kommt mit den Eheschließungen kaum noch hinterher. Ein modernes Märchen?

Karin Kalisa, die selber seit einigen Jahren in Berlin (und höchstwahrscheinlich auch im Prenzlauer Berg) wohnt, hat mit „Sungs Laden“ eine wirklich zauberhafte Geschichte geschaffen, die zum Nachdenken anregt – und dies doch niemals mit erhobenem Zeigefinger tut. Vielmehr sind ihre Charaktere – allen voran natürlich Sung mit seiner Familie und dem Eckladen – so liebevoll und authentisch beschrieben, dass man sich wünscht, sie wären real. Oder es für einen kurzen Moment – siehe oben – tatsächlich denkt…

Karin Kalisa: . C.H. Beck Verlag, 2015. Gebunden, 255 Seiten, 19,95€. ISBN 978-3-406-68188-2

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