Einatmen, Ausatmen

Die Atem- und Achtsamkeitslehrerin Carola Spitz ist heutztage nur Eingeweihten bekannt. Christoph Ribbat möchte das mit seinem Buch „Die Atemlehrerin“ ändern.

Ich gestehe: Als die Nachrichten rund um das Corona-Virus sich überschlugen und eine leichte bis mittelschwere Panik meine Mitmenschen und die gesamte Gesellschaft ergriff, fiel mir das selbst nicht so leicht – die Sache mit dem ruhigen und geführten Atem. Dabei bin ich ausgebildete Yoga-Lehrerin und baue in meine Stunden immer wieder Pranayama-, also Atem-Übungen ein. „Im Alltag atmen wir oft flach und in den Brustkorb hinein, das kann Stress-Symptome verstärken. Wer tief und ruhig atmet, reduziert Stress-Gefühle automatisch, denn Anspannung und Entspannung schafft das zenrale Nervensystem nicht gleichzeitig“, erkläre ich oft. Wer sich auf seinen Atem konzentriert, schaltet recht schnell einen Gang runter.

„Vielleicht machen sich nur solche Menschen Gedanken über das Atmen, die Probleme damit haben. Alle anderen nehmen es als selbstverständlich hin.“

Das wusste auch Carola Spitz, später Carola Speads, die ab den späten 1940er Jahren Menschen in New York darin unterrichtet, wie man „richtig“ atmet. Zu der Zeit kannte man den – heutzutage ziemlich überstrapazierten – Begriff Achtsamkeit noch nicht und außerdem: funktioniert das mit dem Atmen nicht praktischerweise von ganz alleine? Mühsam baut sich Carola einen Kundenstamm auf, den sie dann allerdings über viele Jahrzehnte hält. Sie unterrichtet noch mit 97 Jahren, selbst, als sie einen Schlaganfall erleidet.

Doch Christoph Ribbat hat sich Frau Spitz/Speads nicht nur deshalb ausgesucht, weil sie neureiche New Yorker in Strohhalme pusten ließ – sondern weil ihre Lebensgeschichte im Berlin der Jahrhundertwende beginnt. 1901 geboren, wird die junge Carola Teil der Wandervogelbewegung und beginnt eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin; ihre Eltern sind davon eher weniger begeistert, lassen die Tochter aber ziehen. Frischluftgymnastik und Ausdruckstanz waren ein wichtiger Bestandteil der damals ziemlich angesagten Lebensreform und werden auch für Carola zum Mittelpunkt ihres Lebens.

Atem

Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, halten sie und ihr Ehemann Otto zunächst daran fest, in ihrer Heimatstadt zu bleiben, obwohl sie als Juden zunehmend bedroht werden und Carola nicht mehr unterrichten darf. Nur mit viel Geschick und Glück schaffen sie es, nach Amerika auszuwandern, wo sie 1940 – mehr oder weniger in letzter Minute – ankommen. Um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, braucht es allerdings ordentlich Durchhaltevermögen. Zum Glück hat Carola Spitz, die sich der Aussprache wegen in Speads umnennt, davon ausreichend.

Manchmal wirkt es absurd, wenn ein Mann eine Biographie über eine Frau schreibt. Doch im Falle von Christoph Ribbat gelingt dieses Unterfangen sehr gut: Ihm war es wichtig, schreibt er in einem Nachwort, die Geschichte nur anhand der Fakten und Erzählungen von Familienmitgliedern aufzuschreiben und keine Gespräche oder Gedanken hinzuzudichten. Das führt ansatzweise natürlich auch dazu, dass wir der wirklichen Person der Carola Speads nicht nahe kommen, wir lernen sie hauptsächlich auf beruflicher Ebene kennen.

Es unterstreicht aber auch die Bedeutung ihrer Arbeit (und tatsächlich hat sie Zeit ihres Lebens ihren Unterricht immer nur die Arbeit genannt und auf Modewörter verzichtet) im Kontext der Achtsamkeitswelle der letzten Jahrzehnte und welche sichtbare Rolle Frauen darin spielten – nämlich eine geringe, wie Ribbat hervorhebt. Zwar waren es meist Frauen, die die Atemlehre maßgeblich vorantrieben, doch drängten sich die Männer häufiger in den Vordergrund, wurden auf Konferenzen als Fachleute herangezogen und schrieben die publizistischen Bestseller – was diesen Teil angeht, hat sich dieser in unserer Gegenwart nicht großartig verändert. Die Atemlehrerin ist also ein gute Möglichkeit, einer Pionierin der westlichen Atemlehre Respekt zu zollen. Und bitte nicht vergessen: Eeeeeinatmen, aaaaaausatmen!

Christoph Ribbat
Die Atemlehrerin. Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm
Suhrkamp Verlag, 2020
Gebunden, 191 Seiten, 22 Euro

Foto oben: Victor Garcia