Rezension: „Eine Tonne für Frau Scholz“

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Unsaniertes Haus in Berlin-Mitte

Nina Krone und ihr Mann wohnen, so scheint es, im letzten unsanierten Haus Berlins. Die Stimmung zwischen Nachbarn ist so kalt wie die unbeheizten Kohleöfen in den Wohnungen – bis die Erzählerin in „Eine Tonne für Frau Scholz“ beginnt, ihrer Nachbarin ungefragt Briketts vor die Tür zu stellen.

Berlin wandelt sich rasant. Noch vor zehn Jahren waren Kohleöfen in den Altbauwohnungen Standard, sie verbreiteten eine wohlige Wärme und bekämpften die Zugluft, die zwischen den einfach verglasten Doppelfenstern ins Zimmer wollte. Diese manchmal ungemütliche, oft auch ganz charmante Atmosphäre wurde im Zuge der (energetischen) Sanierung rigoros plattgemacht – nur noch ganz vereinzelt wird in dieser Stadt ohne Zentralheizung geheizt. Zum Beispiel bei Nina Krone, deren langsam zerbröckelndes Haus im Roman von Sarah Schmidt standhaft der Gentrifizierung trotzt, in dessen luftigen Räumen knötterige Bewohner hausen, die das schon seit vielen Jahren tun. Aber man kennt sich nicht näher.

Warum die Protagonistin sich eines Tages entscheidet, ihrer Nachbarin Frau Scholz, mit der sie bisher höchstens Mal fünf Worte gewechselt hat, einen Schwung Kohlebriketts aus dem Keller vor die Tür zu stellen, wird zunächst nicht ganz klar. Plötzliche Nächstenliebe? Identitätskrise? Was dagegen schnell klar wird: Frau Scholz ist wenig erfreut über diese ungefragte Dienstleistung, sie ist zwar alt, aber so gebrechlich nun auch wieder nicht und überhaupt – was will diese aufdringliche Nachbarin von ihr?

Auf ein Gläschen Eierlikör

BuchcoverDoch Krone bleibt hartnäckig, trinkt Kaffee mit der alten Dame, obwohl diese sie mehr als grob behandelt, bringt ihr Eierlikör vorbei, fragt sie nach ihrer Vergangenheit und erzählt aus ihrem eigenen Leben. Das scheint irgendwie aus den Fugen geraten. Da wäre ihre Tochter Ella, zielstrebig und ehrgeizig, die sich dennoch als Mädchen für Alles bei einer Produktsfirma ausbeuten lässt. Und ihr Sohn Rafi, der dagegen kein richtiges Ziel im Leben zu haben scheint, er lässt sich treiben – und kommt plötzlich auf die Idee, mit seinem Freund und einem lesbischen Pärchen ein Kind zu zeugen. Nina Krone ist not amused, dabei war sie doch auch mal wild und frei, verankert in der Berliner Hausbesetzerszene und gegen ihre Mutter rebellierend. Der Haussegen hängt gehörig schief und alles droht zu zerfallen – wird Frau Scholz einen Rat parat haben?

Man mag es zunächst denken, doch in „Eine Tonne für Frau Scholz“ geht es nicht um das breit getretene Thema der Mieterverdrängung in Berlin. Vielmehr handelt es von den Sehnsüchten und Hoffnungen der Großstädter, die auf engstem Raum zusammen in großen Mietshäusern wohnen – und sich dennoch nur scheu im Treppenhaus grüßen. Es geht um eine zarte Annäherung zwischen zwei Generationen, von der die eine eigentlich gar keine Lust darauf hat, sich dann aber doch auf die Begegnung einlässt. Sarah Schmidt fasst diese Unsicherheiten, gemischt mit Großstadt-Coolness, in einer so charmanten Protagonistin und mit  atmosphärisch dichten Worten zusammen, dass man zum Ende hin immer langsamer liest – damit die Geschichte nicht so schnell zuende geht…

Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz. Verbrecher Verlag, 2014. Hardcover, 224 Seiten. 19€. ISBN: 9783943167788

Kategorie Allgemein

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