„Einmal Klischee mit Sahne, bitte!“

Neukölln

Zeit für eine neue „Spazierganggeschichte“: Diesmal erneut aus der U8 und mit dem leisen Verdacht, in einen klischeehaften Berlin-Film geraten zu sein.

Samstagabend, 21 Uhr, ich sitze mal wieder in der U8 auf dem Weg von Mitte bis ins tiefste Neukölln. Eine Fahrt mit dieser Linie, die ganz im Norden in Reinickendorf startet, durch Wedding, Mitte, Kreuzberg und bis nach Neukölln fährt, beinhaltet stets ein wildes Gemisch aus Großstadttypen. Schon am Rosenthaler Platz, es riecht wie immer unangenehm nach Urin, geht es los. Auf der Zwischenebene sitzt ein Mann im Rollstuhl, er brüllt und schreit unverständliche Beschimpfungen, die an niemand bestimmtes adressiert zu sein scheinen. Auf dem Bahnsteig torkelt mir ein Betrunkener mit zerdrückter Bierdose in der Hand entgegen, ich weiche ihm aus und steige in den ersten Waggon.

Neben mich setzt sich eine Frau um die 30, sonnenbankgebräunt, schwarz gefärbte Haare, bauchfreies Top – und so aufgepumpte Lippen, dass es aussieht, als hätte sie aus Versehen auf eine Biene gebissen und wäre mit einer allergischen Reaktion belohnt worden. Mit ihrer Freundin, die eher Typ Mauerblümchen ist, unterhält sie sich über Sex beim ersten Date: „Ja, wir waren beim ersten Treffen essen und dann ist es halt passiert“, nuschelt sie durch ihre Luftballonlippen. Ihre Begleitung scheint da schüchterner zu sein: Sie treffe diesen charmanten Mann jetzt schon seit über einem halben Jahr, geschlafen hätten sie aber noch nicht miteinander. „Noch gar nicht, in acht Monaten?“ Die Lippe ist entsetzt.

„Bitte entschuldigen Sie die Störung“

Ich muss schmunzeln, auch die drei Frauen gegenüber – sie sind, wenn ich anhand ihrer Kleidung raten darf, auf jeden Fall auf dem Weg nach Kreuzberg (später steigen sie tatsächlich am Kotti aus) – kichern kurz. Am Moritzplatz steigen zwei Lederschwule ein, neben mich setzt sich ein Berghain-Hipster mit schwarz gefärbtem Mönchshaarschnitt, schwarzer Trainingshose und schwarzen Buffalos. In seinem rechten Ohrläppchen steckt ein kleines Kreuz, aus den teuer wirkenden Kopfhörern schallt dumpfer Techno.

Noch drei Stationen. Die Plastikeinkaufstüten der türkischen Mutti mit geblümtem Kopftuch auf der anderen Seite neben mir knistern, die Bahn ruckelt und quietscht, jemand steigt ein und „bitte-entschuldigen-Sie-die-kurze-Störung“-murmelt in das Stimmengewirr hinein. Als ich an der Leinestraße aussteige, stoße ich mit einem Punker-Pärchen samt Irokesenschnitt zusammen, um eine der hölzernen Wartebänke haben sich vier Männer gruppiert, einer von ihnen zündet sich eine Crack-Pfeife an.

Ich bin jetzt völlig fertig, das ist mir einfach zu viel Klischee hier, muss das wirklich alles auf einmal passieren? Ich betrete das „Fräulein Langner“ im Schillerkiez und erzähle meiner Verabredung, was ich gerade alles beobachtet habe. „Na, wie willst du das jetzt noch toppen?“ frage ich. „Das wird schwierig“, antwortet er, „aber setzen wir uns doch erstmal hin. Zum Beispiel in die Badewanne da vorne?“ Denn er hat recht: Mitten in der Bar – die ganz im Stil von früher von oben bis unten mit alten Möbeln vollgestellt ist – steht eine alte, gusseiserne Badewanne, die mit Kissen ausgelegt ist. Da muss ich dann doch lachen.


Dies ist ein Text aus der Reihe „Spazierganggeschichten“, die ich in loser Folge hier aufschreibe. Alle älteren Geschichten findet ihr hier.