Es steht in den Sternen

Tiere

Rückwirkend wurde Olga Tokarczuk 2019 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Welches ihrer Werke eignet sich gut für den Einstieg? Ich sage: „Gesang der Fledermäuse“!

Schaut man sich meine Ausgabe des im Kampa Verlag erschienenen (und aus dem Polnischen von Doreen Daume übersetzten) Romans Gesang der Fledermäuse an, könnte man denken: Da ist eine ganz besonders schludrige Leserin am Werk gewesen! Der Grund: Ich arbeite nicht mit kleinen Klebestreifen, um mir brilliante Stellen zu markieren, sondern mache kleine Eselsöhrchen in die Seiten. Und in diesem Falle sind das ganz schön viele geworden! Nachdem ich dem Panoptikum aus unzusammenhängenden Episoden in dem Buch Unrast eher skeptisch gegenüberstand, suchte ich nach einem „leichteren Einstieg“ in das Werk der polnischen Literaturnobelpreisträgerin.

Der gelingt mit der locker-flockigen Geschichte von Janina Duszejko, einer älteren Frau (wie alt genau, wird nicht gesagt), die auf einem wettergegerbtem Hochplateau an der Grenze zu Tschechien lebt. Während die meisten Bewohner des kleinen Dorfes nur für die Sommermonate bleiben, lebt sie dauerhaft hier – ebenso wie Matoga und Bigfoot. Die heißen nicht wirklich so, aber Janina findet, dass diese Namen einfach besser zu ihnen passen. Sie selbst spricht mit den Tieren, übersetzt Lyrik von William Blake aus dem Englischen ins Polnische und hegt eine große Leidenschaft für Astrologie:

„Ich glaube, jeder von uns ist angesichts seines Horoskops sehr ambivalent. Einerseits ist er stolz, dass der Himmel auf seinem individuellen Leben einen Abdruck hinterlässt, wie den Datumsstempel auf einem Brief, und er somit gekennzeichnet und auf seine Art einzig ist. Doch das ist gleichzeitig auch eine Fessel, eine eintätowierte Gefängnisnummer. […] Der Zusammenhang mit etwas so Ungeheurem und Monumentalen wie dem Himmel irritiert uns.“

Als sie und ihr eher wortkarger Nachbar Matoga eines Abends Bigfoot tot in seinem Wohnzimmer finden, in dessen Hals der Knochen eines Rehs steckt, wittert sie eine Verschwörung: Eine Verschwörung der Tiere, um genau zu sein, die sich für die Brutalitäten der Menschen rächen. Als noch weitere Leichen gefunden werden – allesamt Männer, die in ihrer Freizeit gerne jagten, alle waren sie umgeben von rätselhaften Tierspuren – ist sich Janina sicher. Doch die Polizei hält sie schlicht für eine alte, schrullige Dame, der man keinen Glauben schenken darf.

Olga

Und: sollten wir das als Leser tun? Betrachtet man Janina Duzejko bis zur Hälfte des Romans als verschrobene, aber liebenswerte alte Frau, die keiner Fliege etwas zu Leide tun kann, gerät diese Überzeugung ab einem gewissen, nicht unbedingt festzumachenden Punkt ins Wanken. Wie in vielen Romanen, die ich in letzter Zeit gelesen habe, musste ich mich auch hier von einer Erzählerin – die Ereignisse sind aus der Ich-Perspektive erzählt – leiten lassen, die sich als zunehmend unzuverlässig herausstellt…

Olga Tokarczuk hat mit Gesang der Fledermäuse einen eher ruhigen Roman verfasst, der uns vor allem zeigt, dass wir als Menschen schon längst den Bezug zu Natur und Tieren verloren haben; letztere zwar gerne im Streichelzoo anfassen oder als Haustiere wie Familienmitglieder behandeln, sie gleichzeitig aber auch – entseelt sozusagen – als Nahrungsmittel konsumieren. Die Grobheit der Jäger, die sich anmaßen, mit dem mutwilligen Töten von Tieren regulierend in die Natur einzugreifen, um „die Ordnung wiederherzustellen“, machen eine Rache von Reh, Hase und Wolf gar nicht so abwegig.

Diese Ambivalenz zwischen Aufrichtigkeit und Hinterlist, die die Autorin in dem rund 300 Seiten starken Buch in mit sanfter Feder ausführt, bevor den Bewohnern des Bergdorfs das ganze Konstrukt um die Ohren fliegt, ist eingebettet in eine zarte, poetische Sprache mit etlichen Metaphern (die zu noch mehr Eselsöhrchen führten). Eine Mischung aus Krimi und fiktivem nature writing, garniert mit etwas Astrologie und Esoterik, Märchen, Aberglaube und einer Prise Zynismus – dass hier der Literaturnobelpreis zu Recht verliehen wurde, darüber müssen wir also nicht streiten!

Olga Tokarczuk
Gesang der Fledermäuse
Aus dem Polnischen von Doreen Daume
Kampa Verlag, 2019
Gebunden, 320 Seiten, 24 Euro