Es weihnachtet sehr: Literarische Geschenke – Teil 1

Geschenke

Ihr möchtet Bücher verschenken, habt aber keine Ahnung, welche? An den Adventswochenenden stelle ich euch jeweils drei Titel vor – den Anfang macht Literatur aus Norwegen.

„God Jul“, das heißt „Frohe Weihnachten“ auf Norwegisch und gefällt mir schon allein deswegen, weil darin mein halber Vorname steckt. Ich war allerdings noch nie in Norwegen und kannte mich bisher auch kaum mit der Literatur dieses Landes aus, wie mir bei der Vorbereitung auf die Frankfurter Buchmesse 2019 (wo Norwegen dieses Jahr Gastland war) auffiel. Bei Instagram schrieb ich:

Skandinavische Literatur – und damit also auch die norwegische – war für mich schon immer sehr männlich geprägt: Viele der bekannten Bücher wurden von Männern geschrieben, Männer spielen darin meistens die Hauptrolle – mal finden sie grausig verstümmelte Leichen, mal leben sie zurückgezogen in einer Hütte und hacken Holz. Oft sitzen sie einsam am Tresen, betrinken sich und sinnieren dabei wie waidwunde Tiere über ihre gescheiterten Liebschaften. Und fast immer schneit es.

Natürlich war mir bewusst, dass norwegische Literatur ziemlich sicher auch andere Themen behandelt und Frauen dort ebenso publizieren – ich hatte nur keine Beispiele. Das ist nach der Messe zum Glück anders! Trotzdem sind in meiner Auswahl zwei Männer enthalten. Und es schneit ebenfalls.

Norwegen

Simon Stranger
Vergesst unsere Namen nicht

„In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig oder hundert oder vierhundert Jahre später“. So steht es im Klappentext des als Roman betitelten Buches von Simon Stranger, das auf der Geschichte der Familie seiner Frau beruht: Seine jüdische Schwiegermutter Grete wuchs in der Nachkriegszeit in einem Haus in Trondheim auf, das während des Zweiten Weltkriegs das Quartier des Gestapo-Agenten Henry Oliver Rinnan und seiner blutrünstigen „Rinnan-Bande“ war; im Keller wurden Menschen gefoltert und getötet.

Warum zog ihre Familie ausgerechnet in das Haus eines Nazi-Schergen? Simon Stranger versucht, aus Erzählungen und mit Recherchen die Geschichte seiner Schwiegerfamilie zu rekonstruieren und zu verstehen. Zugleich werden die Denunziationen und Deportationen in Straflager sowie die Willkür des Nazi-Regimes gegenüber Juden beschrieben – Verfolgten und Ermordeten, deren Namen heutzutage keiner mehr kennt. Stranger will das ändern. Kein leichtes Thema, zugegeben – aber ein wichtiger und augenöffnender Beitrag dazu.

Simon Stranger: Vergesst unsere Namen nicht. Aus dem Norwegischen von Thorsten Alms. Eichborn Verlag, 2019. Gebunden, 350 Seiten, 22 Euro.

NorwegenNorwegenNorwegen

Gøhril Gabrielsen
Die Einsamkeit der Seevögel

Ein Blick auf das Cover des Romans von Gøhril Gabrielsen lässt vermuten, dass es hier um Naturbeschreibungen geht. Das stimmt, aber nur bedingt: Im Mittelpunkt des Romans steht eine Wissenschaftlerin, die sich für ein paar Monate in ein menschleeres Fjord begibt, um dort die Auswirkungeng des Klimawandels auf die Populationen der Seevögel zu messen. Eigentlich wollte sie das nicht allein tun, ihr Freund Jo soll hinterherkommen – doch der sucht mit jedem Anruf nach einer weitere Ausrede.

Völlig auf sich gestellt, gerät die Protagonistin in einen Strudel aus Selbstreflektion, Träumen, Halluzinationen und stellt fest: Die Psyche lässt sich nicht mit wissenschaftlichen Parametern messen. Es liegt viel Schnee in diesem Roman, die Atmosphäre wird mit jeder Seite kühler, bizarrer und bedrohlicher. Ein intensives Psychodrama, das man in einem Atemzug inhalieren kann. Meine längere Besprechung lest ihr hier.

Gøhril Gabrielsen: Die Einsamkeit der Seevögel. Aus dem Norwegischen von Hanna Granz. Insel Verlag, 2019. Gebunden, 174 Seiten, 20,- Euro.

 

Agnar Mykle
Das Lied vom roten Rubin

1956 erschien „Das Lied vom roten Rubin“ als dritter Roman von Agnar Mykle – und wenn man sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in diesem Jahrzehnt bewusst macht, wird auch klar, warum ihn der Text ganz schön in die Bredouille brachte: Er wurde wegen Verbreitung pornographischer Schriften verklagt, in Deutschland konnte man das Buch erst kaufen, wenn man volljährig war. Und in der Tat: In der Geschichte geht es ganz schön heiß her!

Ask ist Anfang zwanzig, als er nach Bergen zieht, um dort Wirtschaft zu studieren. Er ist enorm wissbegierig und ehrgeizig, sieht sich in einem ständigen Wettbewerb mit anderen Männern – vor allem auch, was den Umgang mit Frauen angeht. Zwar ist er zu Beginn noch recht naseweiß und naiv, lässt aber nichts anbrennen und will – platt gesagt – alles begatten, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das wird in allen Farben und Stellungen ausführlichst beschrieben. Dabei geht es sicherlich nicht um Monogamie – Schuldgefühle und peinliche Verwicklungen quälen Ask dennoch oft. Läuft er keinen schönen Beinen hinterher, dann setzt er sich für den Sozialismus in seinem Land ein.

Inhaltlich macht dieses Buch großen Spaß, sprachlich aber noch mehr: Da schaut jemand aus „in Heringslake gebeizten Augen“ oder erinnert ein Mann die Hauptfigur an „die Keime, […] die aus im Keller überwinternden Kartoffeln sprießen.“ Eine echte Wiederentdeckung!

Agnar Mykle: Das Lied vom roten Rubin. Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. Ullstein Verlag, 2019. Gebunden, 448 Seiten, 26 Euro.


Nächstes Wochenende folgt der zweite Streich – mit geheimnisvollen Geschichten, die euch so richtig tief zwischen die Buchdeckel ziehen…

Foto: Sincerely Media

 

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