Es weihnachtet sehr: Literarische Geschenke – Teil 2

Geschenke

Nach Literatur aus Norwegen empfehle ich euch diesmal drei Romane, die euch so richtig zwischen die Buchdeckel saugen: spannend, mystisch, absurd.

Während ich dies schreibe, knacken hinter mir die Holzscheite in dem kleinen Kamin, den meine Vormieter netterweise im Wohnzimmer gelassen haben – draußen schneit es zwar nicht, aber dafür ist es um vier Uhr schon so gut wie stockdunkel. Die Winterzeit ruft quasi danach, sich mit einem Buch und einer Wolldecke auf dem Sofa einzurollen. Und was passt dazu besser als ein richtiger Schmöker?

Was einen Schmöcker ausmacht, darüber ließe sich sicherlich diskutieren. Für mich bedeutet es meistens: mitreißende Geschichten, gerne mit einem Hang ins Mystische oder Absurde, rätselhafte Charaktere und ein Spannungsbogen, der bis zum Ende gehalten wird. Welche das in diesem Jahr für mich waren? Voilá.

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Raphaela Edelbauer
Das flüssige Land

Etwas ist faul im Städtchen Groß-Einland – und zwar gehörig faul. Oder vielleicht eher fragil und instabil? Als Ruth erfährt, dass ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, wird sie aus ihrer bisher ruhigen Bahn als promovierende Physikerin geworfen. Dass die beiden Verstorbenen in ihrem Geburtsort Groß-Einland beigesetzt werden wollen, ist an sich nichts außergewöhnliches. Bloß: Wo liegt diese Stadt überhaupt? Ruth war noch nie da und kann sie auch auf Landkarten nicht finden, fährt mehr oder weniger ins Blaue hinein durch Österreich. Und landet, nach dem sie mit ihrem Auto wie Alice durch den Kaninchenbau regelrecht durch eine Schneise im Wald gefallen ist, tatsächlich an dem mysteriösen Ort, der wie aus der Zeit gefallen scheint.

Hier „regiert“ eine Gräfin, die alles daran setzt, die Normalität aufrechtzuerhalten. Dabei ist nichts normal: Unter Groß-Einland klafft ein riesiges Loch, das die Statik der Häuser in ein bedrohliches Ungleichgewicht bringt und nicht nur unliebsame Gegenstände verschwinden lässt, sondern gelegentlich auch Menschen in seinen Schlund zieht. Die Idee der Gräfin: Wir machen ein riesiges Kunstprojekt daraus! Ruth war zunächst zwar noch etwas verwirrt über alles, doch dann wird Groß-Einland nach und nach zu einem Zuhause für sie. Allerdings einem Zuhause mit Tücken, in dem gemauschelt und geklüngelt wird.

Wow, was für ein Roman – allein die Zusammenfassung (hier gibt es übrigens meine vollständige Besprechung) hört sich absurd an. Aber mit Raphaela Edelbauer lässt man sich mit großer Freude in diese Absurdität fallen: Inhaltlich wie sprachlich ist Das flüssige Land absolut überzeugend. Wenn Kafka Alice im Wunderland geschrieben hätte – vielleicht wäre das Ergebnis ungefähr so gewesen?

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land. Klett-Cotta, 2019. Gebunden, 350 Seiten, 22 Euro.

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Susan Fletcher
Das Geheimnis von Shadowbrook

Wer meine Lesegewohnheiten ein wenig kennt, mag bei diesem Titel zunächst denken: Und sowas magst du? Ja! Aber zugegeben ist es Zufall. Susan Fletcher hat ihren Roman im Stil der „Gothic Fiction“ des 19. Jahrhunderts geschrieben – und das ist ihr tatsächlich sehr gut gelungen.

Was gehört dazu? Eine junge Protagonistin, die keine rosige Vergangenheit hat (im Falle der Hauptfigur Clara ist es ihre Glasknochenkrankheit, derentwegen sie die ersten 18 Jahre ihres Lebens das Haus nicht verlassen durfte; das hat sie eigenwillig, aber auch sehr selbstbewusst gemacht), ein altes, verwunschenes Herrenhaus in der weiten Landschaft der britischen Insel, eine leicht verschrobene Haushälterin, ein Hausherr, der nie zuhause ist (und wenn, dann in seinen Gemächern im oberen Stockwerk verborgen bleibt), verschreckte Bedienstete und, natürlich: Ein Geist. Oder doch nicht?

Clara gerät in dieses Haus namens Shadowbrook, weil sie im Auftrag der Londoner Kew Gardens ein Gewächshaus mit Pflanzen einrichten und betreuen soll. Die nächtlichen Vorkommnisse (Schritte, Kratzen an der Tür und weitere Geräusche, die man nicht zuordnen kann) versucht sie mit bodenständiger Rationalität zu lösen, während die Bediensteten und der Dorfpfarrer nicht ausschließen, dass das Anwesen tatsächlich von einem wütenden Geist heimgesucht wird. Am Ende steckt noch viel mehr dahinter. Wer sich mit Jane Eyre, Wuthering Heights oder Mysteries of Udolpho auskennt, wird hiermit große Freude haben. Und ich vermute: Alle anderen auch!
Mehr über das Buch lest ihr hier.

Susan Fletcher: Das Geheimnis von Shadowbrook. Aus dem Englischen von Marieke Heimburger. Insel Verlag, 2019. Gebunden, 445 Seiten, 22,- Euro


Lars Mytting
Die Glocke im See

Die Glocke im See spielt in einem versteckten Tal in Norwegen, im Dörfchen Butangen. Wir schreiben das Jahr 1880, jedes Leben im Dorf verläuft ähnlich: Sechs Tage die Woche Arbeit auf dem Feld, am Sonntag zur Messe in die im Mittelalter gebaute Stabkirche. Um die dröhnenden Glocken, die „Schwesternglocken“ genannt, rankt sich eine Legende: Vor mehr als zweihundert Jahren sollen auf dem Hof der Hekne-Familie zwei Schwestern gelebt haben, die an den Hüften zusammengewachsen waren. Sie wurden als begabte Weberinnen bekannt und starben früh – erst die eine Schwester, ein paar Stunden später die andere. Ihr Vater ließ zu ihren Ehren all sein Tafelsilber in die neu gegossenen Kirchenglocken einfließen. Seitdem, so erzählt man im Dorf, würden die Glocken von alleine läuten, um vor Gefahren zu warnen.

Was für ein Quatsch, denkt sich Kai Schweigaard, der aus der Stadt aufs Land abkommandierte Pfarrer, diesen Landeiern müsse man einfach nur gehörig ihren Aberglauben austreiben. Dass sich ausgerechnet zwei Architekten aus dem Königreich Sachsen für alte Stabkirchen interessieren und das prächtige Exemplar abbauen und in Dresden wieder aufbauen wollen, kommt dem Geistlichen gerade recht: Von dem Geld kann er ein neues, funktionaleres Gotteshaus bauen. Als sächsischer Vertreter nistet sich Gerhard Schönauer in Butangen ein, er soll die Kirche zeichnen und für den organisierten Abbau sorgen.

Dass er dabei ausgerechnet mit Astrid Hekne nähere Bekanntschaft schließt, für die sich auch der Pfarrer erwärmen kann, gefällt letzterem ganz und gar nicht. Astrid selbst lässt sich sowieso nicht die Butter vom Brot nehmen und rebelliert offen gegen den Abbau der Kirche. Und was sagen eigentlich die geheimnisvollen Schwesternglocken dazu, dass sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Jahrhunderten umgetopft werden sollen? Eben, die sind not amused. Rationalität und Aberglaube gehen hier Hand in Hand, als Leser*in ist man sich manchmal selbst nicht sicher, was da gerade wirklich passiert und was nur in der Einbildung der Charaktere vor sich geht. Ein verschneiter Roman mit Potential für eine durchgelesene Nacht!

Lars Mytting: Die Glocke im See  Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Insel Verlag, 2019. Gebunden, 483 Seiten, 24,- Euro


Was gibt es nächste Woche zum dritten Advent? Da sehen wir uns mal im Angebot der Indie-Verlage um – und zwar in der Sparte
„Sachbuch zu ausgefallenen Themen“!


Teil 1: Literatur aus Norwegen
Teil 3: Sachbücher aus Indie-Verlagen
Teil 4: Bücher über Berlin