Es weihnachtet sehr: Literarische Geschenke – Teil 4

Geschenke

Mit Teil vier bin ich am Ende meiner Geschenketipp-Reihe angekommen & widme mich Büchern zu einem meiner liebsten Themen und Orte: Berlin.

Was mich mit Berlin verbindet, habe ich hier bereits mehrmals erzählt: Ich schrieb über meine Anfänge in der Stadt 2005 und warum sie mich, nach all den Jahren und Veränderungen, noch immer fasziniert. Und natürlich habe ich auch mal aufgelistet, welche Berlin-Bücher zu meinen Top Five gehören.

Meine Regalreihe mit Büchern, die sich fiktiv, semi-fiktiv oder als faktenreiches Sachbuch mit der Hauptstadt auseinandersetzen, platzt aus allen Nähten, es werden stetig mehr – und ich lese (fast) alles, was in Berlin spielt. Drei Romane, die mich in diesem Jahr überzeugen konnten, stelle ich euch hiermit vor!

Christiane Neudecker
Der Gott der Stadt

Ich lese ziemlich viele Bücher pro Jahr und kann sagen: Literarische Pageturner gibt es gar nicht so häufig. Umso mehr freute es mich, als ich den neuen Roman von Christiane Neudecker in den Händen hielt – und ihn von dort nicht mehr weglegen konnte, bis ich die stattlichen 672 Seiten durchgelesen hatte! Worum geht’s?

Es ist 1995 in Berlin, genauer gesagt Prenzlauer Berg: Fünf junge Frauen und Männer haben einen der begehrten Studienplätze an der Erwin-Piscator-Schauspielschule erreicht, sie wollen Regie lernen. Die Gegend um den Wasserturm, wo sich die Schule befindet, ist noch weit entfernt von dem durchsanierten Pastellfarbentraum von heute, der Mauerfall noch deutlich spürbar als Riss quer durch die Stadt. Die Student*innen sind allerdings hauptsächlich auf ihre erste Aufgabe konzentriert: Sie sollen ein kaum bekanntes Faust-Fragment von Georg Heym inszenieren, der 1912 beim Schlittschuhfahren auf dem Wannsee ertrank. Die intensive Beschäftigung mit dem Text fördert bei den fünf Protagonist*innen immer weitere Schatten zu Tage, es herrscht Missgunst, Verrat, Neid. Bis am Ende jemand tot über der Probebühne baumelt.

Es sei nur so viel verraten, alles andere MÜSST ihr bitte selbst lesen: Wie Christiane Neudecker die eiskalte Schlinge immer stärker zuzieht, man sich gefühlt selbst darin befindet und am Ende des Romans atemlos den Buchrücken zuklappt – grandios!

Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt. Luchterhand Verlag, 2019. Gebunden, 672 Seiten, 24 Euro.

GeschenkeGeschenkegeschenke

Gregor Sander
Alles richtig gemacht

Wir gehen schrittweise zurück in der Zeit: Auch Gregor Sanders Roman spielt im Berlin der unmittelbaren Wende-Zeit – aber auch vor dem Mauerfall und in der Gegenwart. Er handelt von zwei Männern, Thomas und Daniel, die gemeinsam in Rostock aufwuchsen, mit den politischen Umbrüchen in die spätere Hauptstadt zogen und sich dann zerstritten. Auf der Zeitebene der Gegenwart arbeitet Thomas als semi-erfolgreicher Anwalt, wurde gerade von seiner Frau mit den beiden Töchtern verlassen und weiß eigentlich gar nicht genau, warum, als plötzlich sein Jugendfreund vor ihm steht.

Da gibt es einiges zu klären. In verschiedenen Rückblicken erinnert sich die Erzählerfigur Thomas an ihre wilde Zeit Anfang der 90er, in der sie eine Bar betrieben und selbst durch das Nachtleben trudelten. Sander ist ein absoluter Könner, wenn es um das Beschreiben der Feinheiten in zwischenmenschlichen Beziehungen geht und davon gibt es auch in seinem neuen Roman sehr viel. Mehr dazu lest ihr in meiner ausführlichen Besprechung.

Gregor Sander: Alles richtig gemacht. Penguin Verlag, 2019. Gebunden, 240 Seiten, 20,- Euro

Geschenke

Frank Goosen
Kein Wunder

Eine der Lesungen, die mir von 2019 definitiv im Gedächtnis bleiben werden, ist die Buchpremiere von Frank Goosen: Anfang März las er im Pfefferberg Theater aus seinem neuen Roman – und zwar ganze zweieinhalb Stunden mit Pause. Es war eine klassische Wasserglaslesung und doch wieder nicht, denn Goosen moderierte den Abend auch noch selbst. Seine Lesebühnen-Vergangenheit merkte man mit jedem Kalauer, mit dem er das Publikum zum Kichern brachte. Und in seinem Roman läuft das ebenso.

Der spielt 1898 in Berlin und in Bochum, der Heimat Goosens. Fränge heißt eine der Hauptfiguren, die in Berlin (West) lebt und nicht nur dort, sondern auch in Berlin (Ost) eine Freundin hat; die wissen ja nichts voneinander, weil sie eine Mauer trennt. Als Brocki und Förster, die alten Schulfreunde, mit einem klapprigen Kleinwagen über die Transitstrecke zu Fränge tingeln, nehmen die absurden Erlebnisse ihren Anfang und hören auf den folgenden Seiten nicht mehr auf. Auf geht dafür irgendwann die Mauer und dann war es das erstmal mit der Polyamorie Fränges. Ein gewohnter Goosen, sozusagen: Humorvoll und kurzweilig! Mehr dazu auch hier.

Frank Goosen: Kein Wunder. Kiepenheuer & Witsch, 2019. Gebunden, 352 Seiten, 20,- Euro.


Das war es mit meiner vorweihnachtlichen Geschenke-Tipp-Reihe! Ich wünsche euch allen wundervolle Feiertage mit ganz viel Zeit und Muße, um die Nase zwischen ein paar Buchdeckel zu stecken!


Teil 1: Literatur aus Norwegen
Teil 2: Spannende Geschichten
Teil 3: Sachbücher aus Indie-Verlagen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree