Euphorie im Dschungel

Dschungel

„Euphoria“ von Lily King – möglicherweise der intensivste Roman, den ich 2015 in die Finger bekommen habe! 

Wir befinden uns in den Anfängen der 1930er Jahre: Nell Stone – eine weltweit berühmte Anthropologin – ist bereits seit mehreren Jahren mit ihrem Mann Fen in Neuginea unterwegs, um die dort einheimischen Stämme zu beobachten und ihre Kultur zu erforschen. Nachdem sie mehrere Monate bei den „Mumbanyo“ verbracht hatten, die ihnen aber bis zur letzten Minute besonders feindlich gegenüberstanden, beschließen sie, zurück nach Australien zu reisen.

Ob man nicht einen Abstecher zu einem gewissen Mr Bankson machten wolle, der ganz in der Nähe seine Feldforschungen betreibt, schlägt Fen vor, sehr zum Ärger von Nell – bis sie den geheimnisvollen Wissenschaftler auf einer Weihnachtsfeier kennenlernt: „Am anderen Ende des Saals, hinter dem Tablett und dem Arm des Taway, der es hielt, sah sie einen Mann neben dem Christbaum stehen, einen Mann, der fast größer als der Baum wirkte und mit dem Finger über einen Zweig strich.“ Das ist der Beginn einer schmerzhaften Dreiecksgeschichte.

9783406682032_largeNell und Fen bleiben in Neuginea, suchen sich einen anderen Stamm flussabwärts und schlagen dort ihre Zelte auf – genauer gesagt lassen sich dort, etwas abseits von den Strohhütten der Einheimischen, ein richtiges Haus bauen: Mit kolonialistischer Selbstverständlichkeit reisen sie mit hunderten von Kisten an, lassen Bücher, Schreibmaschinen, Unterlagen und Kochgeräte in den Dschungel tragen, um möglichst auf keine Unannehmlichkeiten verzichten zu müssen. Dass Bankson, der nur ein paar Stunden mit dem Einbaum entfernt lebt, immer häufiger zu Besuch kommt, verbuchen sie als Freundlichkeit – für seine tiefsitzende Einsamkeit und diesen existenzialistische Wunsch nach Gesellschaft haben sie kein Gespür. Bis Nell realisiert, dass sie sich immer stärker von diesem traurigen Mann angezogen fühlt…

Die Geschehnisse auf der sachlichen Ebene in diesem Roman sind schnell zusammenfassend erzählt, verzichtet man auf die Details der interessanten anthropologischen Studien, denen im Buch viel Platz eingeräumt wird. Denn die eigentlich Geschichte spielt sich auf einer übergeordneten Ebene ab: Es ist diese Spannung zwischen Nell, Fen und Bankson, die sich von Seite zu Seite fühlbar steigert und letztendlich zu einem großen Knall führen wird – denn wenn zwei Männer um eine Frau kämpfen und gleichzeitig um die Anerkennung als Wissenschaftler konkurrieren, geht das wohl selten harmonisch aus.

Geschildert werden die Ereignisse aus den wechselnden Perspektiven von Nell, Fen und Bankson sowie durch eingestreute Tagebuchaufzeichnungen von Nell. Lily King – ihre Figuren basieren übrigens auf realen Menschen, allen voran der bekannten Wissenschaflterin Margaret Mead – weiß diese eklatante Menage á trois so gekonnt in Worte zu fassen, dass man den Eindruck bekommt, man befinde sich – von Mücken zerstochen und schweißverklebt – mit den Dreien unter dem Moskitonetz. Ein Roman, der einen auf der ersten Seite einsaugt und erst mit dem Schlusspunkt wieder ausspuckt. Großartig!

Lily King
Euphoria.
Aus dem Englischen von Sabine Roth.
C.H. Beck Verlag, 2015.
Gebunden, 262 Seiten, 19,99 Euro

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