Extravagant: „Else Lasker-Schüler in Berlin“

Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler war Dichterin und Künstlerin – und ziemlich exzentrisch. Über ihr Leben in der Berliner Bohème der Jahrhundertwende hat Jörg Aufenanger ein Buch geschrieben.

Man könnte Else Lasker-Schüler eine tragische Person nennen: Zeit ihres Lebens kämpfte sie um Aufmerksamkeit und Anerkennung, lebte teilweise am Rande der Armut und musste sich durchbetteln, brachte mehrere ihrer Ehen zu Bruch, starb 1945 vereinsamt in Jerusalem. Doch war sie auf der anderen Seite eine schillernde Persönlichkeit der Berliner Bohème der Jahrhundertwende, die mit ihren exzentrischen Kostümierungen aus den damaligen Kaffeehäusern nicht mehr wegzudenken war. Wer also war diese Frau?

Jörg Aufenanger macht den Versuch, die zahlreichen Facetten der gebürtigen Wuppertalerin zusammenzufassen. Aufgewachsen im Bergischen Land, zieht sie 1894 als frisch gebackene Ehefrau von Jonathan Berthold Lasker nach Berlin. Die Kaffeehäuser am Kurfürstendamm – die es heute allesamt nicht mehr gibt – werden schnell ihr zweites Zuhause, Else lässt sich treiben in und verschlucken von der Kulturszene Berlins.

1899 wird ihr Sohn Paul geboren, wer der leibliche Vater ist (und der Ehemann scheint es nicht zu sein), wird sie nie verraten. 1903, kurz nach der Scheidung von Herrn Lasker, heiratet sie Georg Lewin, den sie aber in Herwarth Walden umtauft – in der von ihm gegründeten Zeitschrift „Der Sturm“ wird sie in den kommenden Jahren regelmäßig veröffentlichen. Sie zeichnet und dichtet, zieht sich in ihre Traumwelten zurück, entwickelt das Alter Ego „Prinz Jussuf von Theben“, spaziert bunt kostümiert durch die Straßen Berlins – und lässt sich auch von Lewin wieder scheiden.

Else Lasker-Schüler

National Library of Israel, Schwadron collection

Eskapistisch, erotisch, extravagant

Es folgen Jahre des finanziellen Engpasses, gleichzeitig aber auch größer werdender literarischer Erfolg: Wie eskapistisch, erotisch und extravagant „die Lasker-Schüler“ dichtet, dass fasziniert viele Menschen. Doch Erfolg lässt sich nicht konservieren und so schwindet ihr Ruhm mit dem Wechsel der Zeiten, in der Weimarer Republik macht das Schwülstige einer Neuen Sachlichkeit Platz. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten erkennt Lasker-Schüler die Gefahr und emigriert zunächst in die Schweiz, dann als „Staatenlose“ nach Palästina, wo sie 1945 vereinsamt und arm stirbt.

Was fasziniert uns heutzutage noch an Else Lasker-Schüler? Ich vermute, dass es mehr die legendenhaften Erzählungen und Anekdoten rund um ihr ausschweifendes Leben sind denn ihre Lyrik, die tatsächlich gewöhnungsbedürftig schwülstig auf das heute nicht mehr an Gedichte gewöhnte Ohr wirken. Jörg Aufenanger bringt in dieser Biographie beides zusammen, er gibt den Eskapaden ebenso viel Raum wie den Versen der Lasker-Schüler, flicht dabei Jahreszahlen und Namen ein, ohne streng chronologisch vorzugehen – dem Leben Else Lasker-Schülers, die sich selten um gesellschaftliche Normen kümmerte, wird das nur gerecht.

Jörg Aufenanger
Else Lasker-Schüler in Berlin
be.bra Verlag, 2019
Gebunden, 208 Seiten, 20,-€

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