Lucy im Tindergarten: „Fische“ von Melissa Broder

Meermann

Das Romandebüt „Fische“ von Melissa Broder ist eine irrwitze Mischung aus Tinder-Experimenten, griechischer Mythologie und Lebenskrise überdrehter Enddreißiger.

Man könnte diese Rezension beginnen wie einen dieser Klappentexte, der sich oft auf den Rückseiten halbseidener „ChickLit“-Bücher findet: „Lucy hatte alles: Einen erfolgreichen und gut aussehenden Mann und eine bezahlte Stelle als Doktorandin der Literaturwissenschaft. Als sie von Jamie für eine jüngere Frau verlassen wird, zieht sie sich nach Venice Beach zurück, um sich zu sammeln – bis sie den gut aussehenden Theo kennenlernt…“

Wir sind hier aber nicht in einer Romance-Kitsch-Geschichte. Es ist alles viel komplizierter: Seit bereits neun Jahren lässt sich Lucy von der Universität für ihre Doktorarbeit sponsern, sie forscht über die altgriechische Dichterin Sappho, während ihr Freund Jamie in der Wüste Filme über die Natur dreht. Aber war es das schon? In einer Kurzschlusshandlung will sich Lucy von Jamie trennen, ohne wirklich über die Folgen nachgedacht zu haben. Sie einigen sich auf eine Pause. Aber allein sein, kann sie das überhaupt? Wie kann man überleben ohne einen Partner? Als sie Jamie während eines Streits die Nase bricht, wird sie zu einer Therapie verdonnert und landet in Venice Beach, wo sie das Haus ihrer Yoga unterrichtenden Halbschwester hütet, die durch die Welt reist. Die Diagnose in der Gruppentherapie ist hart:

„Ja, Sie müssen entgiften. Von ihm. Genau genommen von der abhängigen Lebensweise. Von einem Leben, in dem Sie von anderen erwarten, ihre innere Leere zu füllen.“

„Einen Scheiß muss ich!“, denkt sich Lucy und meldet sich – angestachelt von einer anderen Klientin – bei Tinder an… Das läuft mehr schlecht als recht, aber es lenkt sie ab:

„Über einen Mann kommt man am schnellsten hinweg, indem man viel Sex hat und mit offenen Augen durch die Welt geht. Am Ende ist man von sich selbst überrascht und stellt fest, dass man das kann, dass man einfach mit jemandem schlafen kann, ohne sich gleich an ihn zu binden.“

MeermannDoch der Besuch im Tindergarten ist nicht die Lösung, Lucy ist verzweifelt und zieht sich am späten Abend zum Nachdenken ans Meer zurück – wo sie wie aus dem Nichts Theo begegnet. Theo, der aus dem Meer kommt und sich tatsächlich als äußerst charmanter Meermann entpuppt – überdies mit außergewöhnlich Fertigkeiten im Cunnilingus. Von da an gehen die Pferde mit Lucy durch und als Leser ist man sich nicht sicher, ob sie halluziniert oder ob diese abstruse Begegnung mit dem Meermann Realität ist… Und recht schnell wird auch klar: Wie soll eine Beziehung überhaupt funktionieren mit einem Typen, dessen untere Hälfte aus einer algenverklebten Schwanzflosse besteht?

Melissa Broder kannte ich bisher noch gar nicht – aber nach diesem Buch möchte ich unbedingt mehr von ihr lesen! Ihre Beschreibung dieser Unfähigkeit, allein sein zu können, dieser Suche nach einem Partner, der die innere Leere ausfüllt, obwohl man sie doch nur selbst stopfen kann – die ist so messerscharf, dass ich beim Lesen zwischen lautem Auflachen und peinlich berührtem ertappt sein schwankte. Von sexueller Frustration über Selbstzweifel bis hin zu handfesten psychischen Problemen kommt hier alles zur Sprache, und zwar schonungslos.

Die Mischung aus Abstrusität, absurdem Humor und bitterböser Ironie ließ mich Fische in nur einem Tag mehr oder weniger inhalieren und die etlichen unterstrichenen Stellen im Buch zeigen, dass die Autorin – zumindest bei mir – da offenbar einen Nerv getroffen hat. Ein Romandebüt erster Sahne!

Melissa Broder
Fische
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva Bonné.
Ullstein Verlag, 2018
Gebunden, 352 Seiten, 21,-Euro
ISBN-13 9783550050299

 

 

 

1 Kommentare

  1. Pingback: Rezension | Melissa Broder: Fische (Spoiler!) | KillMonotony Buchblog

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