Fliegender Sündenbock: „Die Fledermaus“ von Gunnar Decker

Fledermaus

Gefährliche, klein Vampire: Der Ruf der Fledermaus ist nicht der beste. Gunnar Decker erzählt die Kulturgeschichte der „Boten der Nacht“.

Was fällt euch ein, wenn ihr an Fledermäuse denkt? Höchstwahrscheinlich landen die Assoziationen schnell bei „zapft Kühe und Pferde an und saugt ihnen das Blut aus“, „hängt kopfüber in dunklen Höhlen und geht nur nachts auf Jagd“ und „kleiner, gieriger Vampir“. Selbst wer nicht abergläubisch ist – und das ist meinem Gefühl nach in den letzten Jahren immer seltener geworden – kennt die landläufige Vorstellung, Vampire könnten sich nach Lust und Laune in Fledermäuse verwandeln und so unbeobachtet ihren unheilvollen Vorlieben nachgehen.

Doch wie kommt es eigentlich, dass wir das einzige Säugetier – oder passt „Saugetier“ besser? -, das zu fliegen vermag, in einen Topf mit den mythologischen Figuren werfen? Gunnar Decker hat nachgeforscht. Anlass dafür war, das überrascht nicht, seine eigene Begegnung mit einem der Fledertiere: In einer heißen Sommernacht fliegt eines der Tierchen durch seine weit geöffneten Fenster und erschreckt ihn fürchterlich. Was macht man eigentlich, wenn man Besuch von einer Fledermaus bekommt? Bekommt man mit, wenn sie einen beißen und wenn ja, was macht man dann?

„Die Fledermaus entzieht sich neugierigen Blicken, vor allem denen potentieller Jäger. Sie scheint das Lebensmotto des Philosophen Pascal zu beherzigen: Gut gelebt hat, wer sich gut verborgen hielt.“

Seine Recherchen bringen viel neues für ihn zutage. Zum Beispiel, dass Fledermäuse mitnichten zu den Vögeln zählen, sondern eben zu den Säugetieren und das ihr Skelett dem des Menschen bis in kleinste Details ähnelt – bloß wachsen ihnen zwischen Ober-, Unterarm und Händen ledrige und mit Adern durchzogene Flughäute. Schon immer wurden sie höchst skeptisch beobachtet, in manchen osteuropäischen Ländern gelten sie bis heute als Symbol des Todes.

Fledermaus

Doch mit Vampiren brachte man sie sehr lange nicht in Verbindung. Was nicht zuletzt daran lag, dass es das Konzept Vampir in den verschiedenen Kulturen gar nicht gab, bis Mitte des 18. Jahrhunderts ein regelrechter Vampir-Boom die Runde machte. Man wurde mißtrauisch den Toten gegenüber, hielt sie für untot und pfählte sie zur Sicherheit noch einmal.

Ende des 19. Jahrhunderts griff Bram Stoker den Aberglauben auf und entließ seinen weltberühmten Dracula in die Literaturgeschichte – dass die Vorlage aus der Realität, Fürst Vlad, zwar extrem blutrünstig herrschte, aber höchstwahrscheinlich keine Verwandlung in eine Fledermaus vollziehen konnte – wen interessierte das angesichts dieses Gänsehaut-Romans?

Es ist kein Sachbuch, welches Gunnar Decker hier vorgelegt hat, sondern eine gut recherchierte und vor allem mit viel Humor geschriebene Kulturgeschichte der Fledermaus. Er hinterfragt – und ist sich dabei selbst bestes Beispiel – nicht nur unsere Angst vor den pelzigen Beißern, sondern zeigt mit vielen historischen Beispielen, dass die Menschen schon immer einen Sündenbock brauchten, um sich selbst aus der Affäre ziehen zu können. Für lange Zeit hat die Fledermaus bereitwillig mitgespielt; vielleicht ist es nun Zeit für eine Rehabilitation?

Gunnar Decker
Die Fledermaus. Bote der Nacht
Berenberg Verlag, 2018
Gebunden, 168 Seiten, 22,- Euro
ISBN 978-3-946334-33-0

Foto: Todd Cravens

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