Flops, Tops und Tränen: Mein Lesejahr 2020

Roman

Ich habe das ganze Jahr fleißig dokumentiert und kann euch jetzt sagen: Diese Bücher stechen aus meinem Lesejahr besonders hervor!

Bis eben war ich noch überzeugt, dass ich die Zahl 100 bei den in diesem Jahr gelesenen Büchern nicht geknackt habe: Zu oft war ich mit den Gedanken woanders und mit dem Finger am Handy, um die Nachrichtenseiten zu aktualisieren. Part of my job als Journalistin, natürlich, aber auch mit dem Nebeneffekt, dass ich mich oft nur schlecht außerhalb der Arbeit auf einen Text konzentrieren konnte.

Doch zusammengezählt komme ich – am 21. Dezember – tatsächlich doch auf 105 Bücher! Somit hätte ich zumindest ein Ziel, dass ich mir 2019 für das so verheißungsvoll klingende Jahr Zwanzig Zwanzig gesetzt hatte, erreicht. Mein Schulnotensystem zeigt außerdem, dass viele Romane dabei waren, die mich überzeugen konnten und nur selten Flops. Beide möchte ich euch nicht verheimlichen, sowohl die Tops, als auch die Flops!

Ein Roman, der mich zum Lachen gebracht hat


Mit Ein Mann der Kunst hat Kristof Magnusson dafür gesorgt, das ich meinen Kaffee/den Rotwein während des Lesens zwische die Seiten prustete, weil ich urplötzlich in schallendes Gelächter ausbrach. Zu treffend (bisweilen auch sehr ulkig bis klamaukig) sind seine Beschreibungen des Fördervereins eines Frankfurter Museums, deren Mitglieder ins Rheingau fahren, um dort den verschrobenen Künstler KD Pratz zu besuchen. Der freut sich zwar, dass für seine Werke extra ein Neubau finanziert werden soll, verstört die Besucher aber zunächst gehörig mit seiner Misanthropie. Eine fabelhafte Persiflage auf den Irrsinn des Kunstbetriebs mit sektgeschwängertem Smalltalk und Dollarzeichen in den Augen der Händler! Der Roman hat mich so sehr an meine Zeit als Redakteurin bei einem Kunstmagazin erinnert, dass mir irgendwann die Bauchmuskeln vor Lachen wehtaten…

Ein Roman, der mich zum Weinen gebracht hat


RomanDas Debüt Zugvögel von Charlotte McConaghy hat mich von der ersten Seite an gefesselt: Wer ist diese Franny, die mit selbstzerstörerischer Härte agiert? Ihr Ziel ist es, mit Hochseefischern einer Handvoll Vögel auf ihrer Route gen Süden folgen. Wir befinden uns in einer nicht näher bestimmten, aber keinesfalls weit entfernten Zukunft und erfahren, dass es generell kaum noch Vögel auf der Erde gibt und der Klimawandel jegliche Lebensräume bedroht. Aber warum möchte Franny den Vögeln hinterherreisen? Dass sie damit Traumata aus ihrer Vergangenheit zu übertünchen versucht, spürt man schnell – was aber eigentlich dahinter steckt, wird erst ganz am Ende verraten. Mich hat diese Wendung völlig kalt erwischt und so liefen mir tatsächlich Tränen die Wangen herunter. Etwas, was mir selten bis gar nicht bei Romanen passiert.

Ein Buch, das mich besonders inspiriert hat


Zum Indiebookday im März – Berlin befand sich gerade ein paar Tage im ersten Shutdown/Lockdown – kaufte ich mir Am Rand. Um ganz Berlin von Paul Scraton. Der Brite lebt seit längerem in Berlin und hatte sich vorgenommen, einmal komplett um die Stadt herumzulaufen. In sieben Spaziergängen erkundet er die Peripherie der Metropole und stößt dabei immer wieder auf geschichtsträchtige Orte und Unorte, die ihn Schritt für Schritt stärker mit der Stadt verbinden. Ein Buch, dass mich selbst dazu motivierte, wieder mehr spazieren zu gehen, frei nach dem Motto: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“

Mein ‚Top des Jahres‘


RomanEs ist mein liebstes Buch des Jahres geworden – und es gibt keine Rezension dazu auf diesem Blog? Wie ich in den Literarischen Geschenktipps schon schrieb: Lutz Seiler habe ich seit Erscheinen seines Buchs gleich mehrmals für Magazine interviewt bzw. Porträts über ihn geschrieben und seinen Roman Stern 111 besprochen, es hier deshalb nicht noch einmal gemacht. Wie Seiler – der seine Geschichte in dem Roman verarbeitet hat, ohne dabei streng autobiographisch vorzugehen – die Atmosphäre im Prenzlauer Berg der Wendezeit beschreibt, gehört für mich zu den lebhaftesten und gleichzeitig poetischsten Texten (man merkt, dass der Autor aus der Lyrik kommt) über den Kiez, in dem ich wohne. Denn das kommt auch noch dazu: Die Hauptfigur Carl lässt sich unweit von mir halbillegal in einer Wohnung nieder und läuft im Verlaufe der Geschichte mehrere Male durch meine Straße – manchmal hoffte ich, er würde gleich bei mir klingeln und wir könnten bei eine Tee über seine Gedichte diskutieren!

Mein ‚Flop des Jahres‘


RomanKann man ein Buch über einen der weltweit berühmtesten Komponisten schreiben und seine Musik fast gänzlich heraushalten? Klar, kann man das – aber das geht dann womöglich schief. Leider fiel so auch mein Fazit von Robert Seethalers Der letzte Satz aus; ausgerechnet das Buch, was mir als Buchpreisbloggerin in diesem Jahr als Patenbuch zugewiesen wurde. Es ist ein schmales Büchlein, manchmal finden sich darin schön formulierte Sätze, oft jedoch überwiegt das Pathos und der jammernde alte Mahler, der sich fragt, ob er seine Frau Alma Mahler glücklich gemacht hat. Spoiler: Nein, hat er nicht. Warum er Komponist geworden ist, was ihn bei seinen Werken inspiriert und getrieben hat, wie seine Leidenschaft für Tonfolgen aussieht – wir erfahren es einfach nicht. „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht“, sagt Mahler an einer Stelle. Achso. ’nuff said.


Welche Bücher, die ihr in diesem Jahr gelesen habt, sind euch am stärksten im Gedächtnis geblieben? Was war gut, was eher nicht, was hat euch zum Nachdenken gebracht?