„Fuchsteufelswild“: Der Fuchs und Dr. Shimamura

Foto: Flickr / Doug Brown

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Habt ihr schonmal über den Begriff „fuchsteufelswild“ nachgedacht? Ich nicht – bis ich den Roman „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ von Christine Wunnicke las, eine Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit, Mythos und Tiefenpsychologie zur Zeit der Jahrhundertwende.

„Fuchsteufelswild“ war der erste Begriff der mir einfiel, als ich ein paar Seiten der Geschichte gelesen hatte, die auf einer wahren historischen Person basiert. Dr. Shunichi Shimamura, japanischer Nervenarzt, wird 1891 beauftragt, in den ländlichen Regionen seines Landes die Ursache für die so genannte „Fuchskrankheit“ zu erforschen:

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„Bei diesem Fuchs […] handelte es sich um eine schlecht zu fassende Behelligung, welche in den Kulten des Shintoismus ihren Ursprung hatte, vor allem Frauen befiel, und diese vor allem im Sommer.“
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Die Patientinnen weisen eine Mischung aus epileptischen Zuckungen, unbändigem Hunger, Anfällen von Gewalt und Zerstörungswut auf, sie schreien und jaulen wie Füchse und sprechen in fremden Stimmen und Sprachen. Sie seien „vom Fuchs besessen“, der vorwiegend durch ihre Finger oder ihre Brüste in den Körper eintrete und dort die Kontrolle übernehme, lautet die Erklärung des Volkes für diese folkloristischen Krankheit, die übrigens tatsächlich exisitert – allerdings nur in Japan. Heraus bekommt man den Fuchs nur mithilfe eines Exorzisten, der diesen mit Beschwörungen und Tofu aus seiner Wahlheimat herauslockt und an ein „Gefäß“ – einen weiteren Menschen – übergibt.

Schnell gerät Shimamura, der anfangs der Krankheit noch mit schulmedizinischen Diagnosen beizukommen versucht, in einen Strudel aus Mythos und Fachwissen, Traum und Realität. Und als dann auch noch der Student, der ihn auf seiner Dienstreise begleitete, unter mysteriösen Umständen verschwindet, hat Shimamura genug – und haut ab. Mittels eines Stipendiums verschlägt es ihn zunächst nach Paris an die Sorbonne, wo ihn ein Professor über die Merkmale der – damals bei Frauen mit Vorliebe diagnostizierten – „Hysterie“ aufklärt, die erstaunliche Parallelen zur Fuchskrankheit aufweist. Was ihn aber zu sehr verwirrt, und so geht es weiter durch Europa, erst nach Berlin und schließlich nach Wien.

coverNatürlich trifft Shimamura hier auf niemand Geringeren als Dr. Josef Breuer, den Mitbegründer der Psychoanalyse und Kompagnon von Sigmund Freud. Mehr zufällig entwickelt sich aus dem Gespräch der Beiden eine ausführliche Gesprächstherapie, an dessen Ende sich Shimamura etwas Unangenehmes eingestehen muss. Und feststellt, dass er doch lieber auf die japanische Folklore zurückgreift: „Das analytische Gespräch als Heilmethode für die traumatische Hysterie“, schrieb er an die Stipendienkommission, „ist für Japan unbrauchbar, da es unserem Sinn für Höflichkeit widerspricht und außerdem zu lange dauert.“

Und das Fazit? Dieser Roman ist komplett anders als alle Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe: Eine tour de force durch die Anfänge der Tiefenpsychologie, die Geschlechterverhältnisse der Jahrhundertwende und grabentiefe kulturellen Unterschiede. Christine Wunnicke erzählt das Leben von Dr. Shunichi Shimamura mit messerscharfen Sätzen, die zu meiner Vorstellung der japanischen Sprache und Kultur passen – doch manchmal geht das zulasten der Verständlichkeit.

Was hat es auf sich mit dieser rätselhaften „Fuchskrankheit“, bei der sich der vermeintliche Fuchs sogar sichtbar unter der Haut der Besessenen abzeichnen soll? Und was geschah wirklich in der traumverschleierten Nacht, in der Shimamura zunächst einen Menschen in Fuchsgestalt auf dem Dachfirst balancieren sah und sich dann an nichts weiter erinnert? Doch ein Roman ist kein Sachbuch und muss die aufgeworfenen Fragen nicht restlos klären – weshalb ich nun einfach weitere Texte über „Kitsunetsuki“, die wunderliche Fuchskrankheit, lese.

Christine Wunnicke: Der Fuchs und Dr. Shimamura. Berenberg Verlag, 2015. Halbleinen, 144 Seiten, 20€. ISBN 978-3-937834-76-4. Hier gibt es eine Leseprobe aus dem Buch.

Kategorie Allgemein

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