Gefahr von rechts

Berlin

Laura Lichtblau verschiebt in ihrem Debüt „Schwarzpulver“ unsere Gesellschaft ein Stück nach rechts – ein Gedankenspiel mit Gruselfaktor.

Zunächst wirkt das Ganze recht normal: Berlin im Winter, Schneematsch und gefrorene Hundescheiße, trübe Gesichter, alles sehr kalt und grau. Mittendrin Elisa, genannt Burschi, Charlotte und ihr Sohn Charlie, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Elisa pflegt tagsüber ein altes Ehepaar und verliebt sich in die geheimnisvolle Johanna, die auf dem Markt in eine Prügelei gerät und nie ihre Schuhe auszieht. Charlie geht auf die Zwanzig zu, lässt sich als Praktikant bei einem Musiklabel zum Kaffee kochen verdonnern und träumt von einer eigenen Bude, ohne Mutter Charlotte. Die will sich eigentlich mehr um ihren Sohn kümmern, wird aber immer stärker von ihrer Arbeit bei der Bürgerwehr eingenommen.

Moment. Bürgerwehr?

„Was für eine feine Gelegenheit, dachten viele, so ganz ohne Umweg direkt an die Knarre, Hand anlegen, und los. Auch Charlotte war engagiert, Das Gefühl einer schweren, glatten Pistole in der Hand ist extrem beruhigend, sagte sie“

Dass sich schießfreudige Großstädter zu einer Bürgerwehr zusammengeschlossen haben, die hochoffiziell auf den Plätzen Berlins patroullieren und festnehmen darf, liegt an der Partei, die an der Macht ist: Sie propagiert den kontrollierten, überwachten, gesäuberten Staat; Menschen werden nach ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Neigung oder aufgrund von Krankheiten aussortiert bzw. hinter verschlossene Türen gebracht.

„Sie mögen keine Anglizismen, kein fremdländisches Essen, keine Menschen, die glücklich sind, sie mögen keinen Hip-Hop, keine Konzerte auf der Straße, keine Menschen, die aus anderen Ländern stammen, keine Familien ohne Kinder, keine Männer mit Lipgloss, keine Frauen mit Glatze, sie mögen keine Frauen, die erfolgreicher als Männer sind, und haben sogar verboten, dass Frauen ein bestimmtes Gewicht überschreiten, weil sie sich somit dem Begehren der Männer böswillig entziehen und so die Volksgesundheit und dessen Fortbestand gefährden.“

Als die Regierung das Ausfüllen eines Fragebogens verpflichtend macht und Elisa alias Burschi sich vor ihren Mitbewohnerinnen als homosexuell outet, wird sie mit geheucheltem Verständis rausgeworfen: „‚Ein erster Schritt wäre doch […] das Kreuz zu setzen und dazu zu stehen. Zu dem, was du nun einmal bist. Du hast es dir ja auch nicht ausgesucht. […] Das wird schon wieder, wenn dir der Richtige erst einmal begegnet.“

Rechts

Laura Lichtblau entwirft in Schwarzpulver eine Gesellschaft, die von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und einem Glauben an die Überlegenheit der „Herrenrasse“ (auch wenn der Begriff nicht genannt wird) geprägt ist – sich aber nicht in einem anderen Jahrhundert befindet, sondern in diesem. Dass die Autorin dafür unsere politische Gegenwart nur mit einem kräftigen Schub nach rechts rücken musste und eine Partei an die Macht kommen lässt, die in dieser Form als selbst ernannte „Alternative“ schon längst existiert, macht den Roman zu einer so realistischen Dystopie, dass sich mir während der Lektüre vor Grusel alle Nackenhaare aufgestellt haben.

Zwar begegnen wir mit Burschi und Charlie zwei Protagonist*innen der jüngeren Generation, die die Machtverhältnisse nicht nur hinterfragen, sondern sich mit Protestaktionen auch in Lebensgefahr bringen; doch dass die Mehrheit der hier beschriebenen Gesellschaft sich scheinbar willig unter die Fuchtel rechtsradikaler Propagandisten begibt, als seien sie genügsam kauende Kühe, wirkt mit jeder Seite bedrohlicher.

Bei Laura Lichtblau, die mit nüchterner, dafür ziemlich schlagkräfter Sprache erzählt, finden sich keine durch die literarische Blume formulierten Aufrufe zum Kampf gegen Rechts; die Charaktere (bis auf Charlotte) aber sprechen mit ihrem Verhalten eine deutliche Sprache des Widerstands, auch wenn sie weit entfernt von Aufstand oder gar Revolution sind. Es ist eine der Botschaften dieses durch und durch kalten, abweisenden Romans: Wer eine tolerante und friedliche Gesellschaft haben will, der muss sich mit allen Mitteln dafür einsetzen – und darf den Rechten nicht das Zepter überlassen.

Laura Lichtblau
Schwarzpulver
C.H. Beck Verlag, 2020
Gebunden, 202 Seiten, 18,95 Euro