„Geh‘ doch nach Berlin!“

Berlin

Berlin-Logbuch V: „Und schon wieder bin ich hier. Diesmal aber mit einem eigenen Wohnungsschlüssel in der Tasche.“

An der Warschauerstrasse, der Haltestelle meines Vertrauens für die nächste Zeit dann eine erste Ernüchterung: kein Aufzug weit und breit. Was machen hier eigentlich Rollstuhlfahrer? Keine andere Option als den Trolley Stufe für Stufe hinter mir hoch zu ziehen – niemand hat mir geholfen, wobei wir wieder bei dem grundlegenden Unterschied zwischen den Berlinern und den Rheinländern in Bezug auf die Freundlichkeit gegenüber Touristen oder anderen Menschen wären… 30 Tonnen (soviel sind es mindestens!) sind eine ganze Menge, und da mein kleiner Körper für solche Gewichte nicht eingestellt ist, habe ich jetzt dementsprechend einen ganz steifen Nacken- und Schulterbereich. Verhoben.

Koffer zähneknirschend weiter hinter mir hergezogen, irgendwie muss man ja ankommen, aber im Hausflur meiner zukünftigen Wohnung (die immerhin im vierten Stock liegt) hab ich mich dann sturköpfig dagegen entschieden, ihn auch noch diese Milliarden von Stufen (und so viele sind es mindestens) hochzutragen. Ich war ja schon halbtot als ich ohne Koffer oben ankam. Also Y. runterschicken, den Herren, der momentan noch mein Zimmer bewohnt, weil er beim Film das Licht macht, und gewohnt ist, tonnenschwere Lampen zu schleppen.

Mein Zimmer ist wunderbar groß und hat sogar einen riesigen Balkon – ich kann es immer noch nicht glauben dass ich es doch noch bekommen habe. Aber jetzt war ich nur da um meinen Koffer abzuladen, denn ich hatte schon da wenig Lust den Trolley noch mal durch halb Friedrichshain zu den Jungs zu schleppen, bzw. ein paar Tage später wieder zurück. Also nur das nötigste packen, man braucht ja nicht viel für ein paar Tage, und warm ist es ja schließlich auch, entgegen der Vorhersagen. Ganze 29° vermutete die Temperaturanzeige am Spätkauf in meinem Haus (noch mal zur Wiederholung: Ich wohne über einem Spätkauf-kann es noch besser kommen?), weshalb ich natürlich auch nur Shirts und Minirock und Flip-Flops eingepackt habe. Wie sehr kann man sich täuschen…

Berlin

Dann also rüber zur „WG-ohne-Grenzen“, wie H. (der nachdenklichere von den Beiden) die Chaos-WG treffenderweise bezeichnet hat; und huch, nur zwei von vier Chaoten da, der Rest liegt irgendwo in der Sonne in Spanien oder Griechenland, und ja, einen gewissen Neid muss ich eingestehen, aber immerhin hab ich so ein ganzes Zimmer für mich allein. Und ein eigenes Bett – was die Schmerzen in meinem Rücken allerdings auch nicht besser macht.

Ausruhen nach langer Fahrt ist nicht, also direkt wieder loslaufen zur Warschauerstrasse, denn H. war in der Stadt – frisch angenommen an einer Theaterschule, schon jetzt leicht gestresst vom vielen WG-in-letzter-Minute-anschauen, schließlich fängt die Ausbildung schon im September an. Und ich musste mit, was mich nicht sehr gestört hat, denn wann bekommt man schon mal so viele verschiedene Wohngemeinschaften zu sehen und kann nette Einrichtungs- und Gestaltungsideen klauen?

Und dann kam der Regen. Nicht sehr gemütlich, wenn man wie ich der Sonne vertraut hat und deshalb nur mit Flip-Flops durch die Gegend watschelt. Gegen ein bisschen Regen ist ja nichts einzuwenden, wir sind ja nicht aus Zucker, aber ein Platzregen ist dann doch eher unpassend. Was tun? Da muss man wohl durch. Hoffentlich macht es keinen schlechten Eindruck auf die Menschen in den Wohnungen – obwohl wenn ich es mir so überlege: sollte nass sein irgendwo ein Ausschlußkriterium für die Zimmervergabe sein, sollte H. dort sowieso besser nicht einziehen.

Nach stundenlangem „Nah-am-Hungertod“-Gefühl dann endlich die Erlösung in Form von Tagliatelle Vegetaria, gekauft für nur 2,60€ auf der Sonntagsstrasse. Ein bisschen kenne ich mich ja jetzt hier schon aus. Dann zurück in meine WG, endlich wieder normal unhöflich sein, Nudeln schlürfen und dann in die Lounge hauen, um dort gemeinschaftlich und nationenübergreifend leicht anrüchig bis pornografische Dias aus den 70ern an die Wand zu werfen. Sehr erotisch.

Eigentlicher Vorsatz nicht allzu spät ins Bett zu gehen natürlich nicht erfüllt; noch lange bei J. im Sessel gelegen (was meinem Hals vielleicht noch zusätzlichen Schaden zugefügt hat) und gequatscht; huch es ist ja schon zwei, huch, es ist ja schon drei – war es nicht eben noch zwei? Irgendwann todmüde ins Bett gefallen und einigermaßen ruhig geschlafen, abgesehen von dem kleinen Unfall mitten in der Nacht, in Form von mit dem Kopf gegen die untapezierte Wand hauen. Gewöhnungssache.

Playlist:
Thomas Dybdahl: „This Love Is Here To Stay


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!