Geheimagenten in Trenchcoats

Berlin

Berlin-Logbuch XIV: „Die Vergangenheit ist überall. Gerade in einer Stadt wie Berlin kann ich ihr nicht entgehen, sie springt mich von allen Seiten her an und zwingt mich zum nachdenken – und das täglich.“

Es liegt noch nichtmal daran, dass in einigen Teilen Berlins die Mauer noch steht – als Andenken versteht sich – sondern dass die DDR einfach noch so präsent ist. Da ich selber im Osten der Stadt wohne, kann ich nicht durch die Strassen laufen, ohne mir vorzustellen, wie die Menschen zu der Zeit dort lebten, als sich ihr Land noch ,.Deutsche Demokratische Republik“ nannte.
Ich finde es sehr interessant mich damit zu beschäftigen, Bücher von Zeitzeugen zu lesen, mir ein, wenn auch unklares Bild darüber zu machen, wie es sich angefühlt haben muss, in diesem überwachten Staat zu leben.

Denn da gab es die Staatsicherheit, Stasi genannt, die Tausende ihrer Spitzel – ob offiziell oder inoffiziell – im Land verteilt hatte, um Kontrolle über ihre Bewohner zu haben. Es wurde nicht davor zurückgeschreckt, die Menschen mittels Wanzen abzuhören oder ihre Wohnungen zu durchsuchen, und das Öffnen von Post (besonders aus dem Westen) oder das Beschatten gehörten für viele schon zum Alltag. Jeder Mensch hat doch etwas zu verheimlichen, braucht ein kleines bisschen Privatsphäre, in die nur er Zutritt hat. Wo haben die Menschen der DDR Zuflucht vor der Stasi gesucht?

Die Stasi ist immer noch allgegenwärtig, wenn sie auch schon längst nicht mehr in Aktion tritt. Mitten in der Stadt steht noch der „Palast der Republik“, dessen Worte auf etwas architektonisch monströses schließen lassen, dessen Anblick aber sehr gut verdeutlicht, das Ästhetik in diesem Land nicht zählte. Es ist lediglich ein riesiger quadratischer Klotz mit bronzefarbenen, verspiegelten Fenstern; über dem Eingang ist noch der Platz zu sehen, an dem sich mehrere Jahrzehnte lang die Fahne der DDR befand.

Genutzt wird der Betonklotz nur noch für Ausstellungen; momentan befindet sich in ihm eine riesige Konstruktion aus Eisenstangen und weißer Leinwand, als Berg zusammengesetzt und zu einem Erlebnisparcour einladend. Ob der Palast demnächst abgerissen wird, bleibt weiterhin unklar. Soll man denselben Fehler wie das DDR-Regime machen, und wichtige historische Bauten (die DDR-Leutchen hatten damals das Stadtschloß abgerissen) einfach dem Erdboden gleichmachen? Oder soll man den bronzefarbenen Klotz weiterhin mitten auf der von Prachtbauten gesäumten Allee „Unter den Linden“ stehen lassen, sozusagen als Mahnmal? (Anmerkung aus dem Jahr 2020: Hört ihr mich lachen?)

Berlin

Wenn ich mir die Mitarbeiter der Stasi vorstelle, so denke ich an Männer in grauen Trenchcoats und schwarzen Hüten, die unauffällig mit einer Zeitung in der Hand an der Ecke stehen und
durch die obligatorischen Löcher spitzeln, oder an der Straßenecke in ihrem Trabbi darauf warten, das die zu beschattende Person das Haus verlässt. Für mich ist das Ganze unvorstellbar, kenne ich es doch nur aus alten Kriminalfilmen – aber in denen ging es um richtige Verbrecher, Menschen die einen Mord oder ähnliches begangen hatten, während dies in dem fast lückenlos überwachten DDR-Regime so gut wie nicht möglich war.

Hier wurde man viel schneller zum Feind und Bespitzelungsobjekt: man musste nur gegen den
Staat sein. Wie viele Menschen sind das gewesen? Wie viele Menschen haben versucht zu flüchten, im Kofferraum eines Autos, mit gefälschten Ausweisen oder durch Tunnel unter der Mauer. Und wie viele Mauerflüchtige wurden gefasst und ins Gefängnis gesteckt, wo sie mit teilweise antiken Foltermethoden dazu gebracht wurden, alles zu gestehen? Es ist sehr schwer für mich, diesen Staat nachzuvollziehen, bzw. überhaupt zu verstehen, mir nach und nach einen Einblick in das System zu verschaffen. Ich kann mir nicht vorstellen das es dort Menschen gab, die mit der durch Demokratie getarnten Diktatur zufrieden waren, sprechen die Zahlen der Flüchtlinge oder politischen Häftlinge doch für sich.

Aber es scheint auch andere Seiten zu geben, erfahre ich von Katja, einer Kollegin aus dem Cafe. Ihre Eltern seien mit der Wende ganz und gar nicht zufrieden gewesen, bedeutete es doch für viele den Weg aus dem geschützten und sicheren Staat des Sozialismus in den Arbeitslosigkeit und Verbrechen bringenden Kapitalismus des Westens.

Aber es gibt von allem zwei Seiten, so auch von der DDR. Menschen, die sich gefügt haben und deshalb nicht persönlich bedroht waren, werden andere Erinnerungen an diese Zeit haben als solche, die Zeit ihres Lebens in einem der Stasi-Gefängnisse verbracht haben, oder deren berufliche Karriere von vorne herein gestoppt wurde, in etwa weil sie sich der Stasi als Informant verweigerten. Auch wenn die Mauer jetzt schon mehrere Jahre nicht mehr steht, so ist sie doch für viele Menschen noch sehr präsent.

Playlist:
Puhdys: „Geh zu ihr


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!