Geschenktipp: Bücher über wagemutige Frauen

Frauen

Unter den Weihnachtsbaum gehören Bücher – z.B. über wagemutige Frauen. Aber welche? Ich habe eine Auswahl für euch zusammengestellt.

„Natürlich bin ich Feministin“, sagte mir einmal ein Freund von mir, „alles andere wäre ja ziemlich rückständig!“. Ich hielt das in dem Moment sogar für ziemlich fortschrittlich, saß ich doch schließlich einem Mann gegenüber. Und begann als Folge, mich häufiger mit dem Thema Frauenrechte, Emanzipation und Weiblichkeit zu beschäftigen.

Für was man sich öffnet, das zieht man vermehrt an – und so habe ich in diesem Jahr eine Menge Romane und Sachbücher gelesen (und Ausstellungen gesehen), in deren Mittelpunkt „starke“ Frauen stehen. Weil „starke Frauen“ für mich zu abgegriffen klingt, nutze ich den Begriff „wagemutig“ – doch was die Bücher eint, die ich euch als Geschenktipps für Weihnachten vorstellen möchte: Sie zeigen, dass Frauen nun wirklich nicht „das schwache Geschlecht“ sind!

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1919, das Jahr der Frauen

2018 und 2019 – im noch laufenden und im kommenden Jahr jähren sich einige Dinge zum 100. Mal: Das Ende des Ersten Weltkriegs, die Ausrufung der Weimarer Republik, die Gründung des Bauhauses in Weimar – und die erste Wahl in Deutschland, in der auch Frauen ihre Stimmzettel in die Urnen werfen durften. Letzteres ist eines der historischen Ereignisse, das Unda Hörner sich ausgesucht hat für ihr erzählendes Sachbuch „1919. Das Jahr der Frauen“.

Denn 1919, da steht es mit den Rechten der Frauen alles andere als rosig: Noch immer werden sie als das „schwache“ Geschlecht bezeichnet, dem sinnstiftende Arbeit oder gar politisches Mitspracherecht nicht zugetraut wird. Zum Glück gab es damals dennoch Frauen, die sich gegen das Patriarchat auflehnten, sei es mit deutlichen Worten oder mit Taten: Marie Curie zum Beispiel, der bereits 1911 der Nobelpreis für Chemie verliehen wurde und die in diesem Jahr, obwohl Witwe, ihre Forschungen mit Radium hartnäckig weiterverfolgte.

Oder Marie Juchacz, die 1919 als erste Frau überhaupt in einem deutschen Parlament eine Rede hielt; Hannah Höch, die mit ihren Collagen die Dada-Welt auf den Kopf stellte und von ihren männlichen Kollegen, auch wenn diese sich fortschrittlich gaben, doch stets als netter weiblicher Zusatz angesehen wurde; Alma Mahler-Werfel, die zu dem Zeitpunkt noch gar nicht den Zweitnamen Werfel trägt – den Nachnachmen ihrer Affäre Franz Werfel – da sie noch mit Walter Gropius verheiratet ist; Gunda Stölzl, die am neu gegründeten Bauhaus die Weberei mit ihren Mustern revolutioniert; Sylvia Beach, die auf der Pariser Rive Gauche ihren Buchladen „Shakespeare & Co“ eröffnet… und und und!

Die Liste der bemerkenswerten Frauen aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts ist lang – und es wäre nicht Unda Hörners Stil, wenn sie deren Taten und Ansichten nicht gekonnt aus einer erzählerischen Perspektive aufbereiten würde. Viele der Persönlichkeiten sind bekannt, auch ihre Lebensumstände – z.B. die Tatsache, dass Rosa Luxemburg im Januar 1919 ermordet und ihre Leiche in den Landwehrkanal geworfen wurde -, vieles lernt man beim Lesen dazu. Manchmal wirken die vielen Informationen überwältigend, dann wieder rollt der Erzählstil ganz plastisch und einfühlsam daher. Ein Buch über starke Frauen und ein äußerst starkes Buch daselbst!

Unda Hörner, 1919. Das Jahr der Frauen. ebersbach & simon, 2018. Gebunden, 256 Seiten, 22,- Euro.


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Backfisch unterwegs auf dem Tauentzien

„Wenn ich mal heirate… kann sich mein Mann ruhig noch nebenher amüsieren… ich tu’s eben auch. Ist ja in Berlin gar nicht anders möglich… Geradezu lachhaft…“

Als Litta dies schreibt, ist sie unschuldige 14 Jahre alt – genau so alt wie das Jahrhundert. In ihrem Tagebuch hält der junge Hüpfer all die amourösen Eskapaden fest, die man als Schulmädchen im Berlin von 1914 so haben konnte: Künstlern Modell stehen, sich von galanten Herren zum Tee einladen lassen und den Jungs aus der Schule reihenweise den Kopf verdrehen.

Alles garniert von den üblichen Diskussionen, die man als Teenager („Backfisch“ passt in dem Kontext allerdings besser) mit den Eltern führt, über Ausgehzeiten, Kleidung, Freiheiten. Emma Nuss hat mit Aus dem Tagebuch eines Tauentzien-Girls, dass 1914 zum ersten Mal erschien und jetzt bei Walde & Graf neu aufgelegt wurde, ein ziemlich amüsantes Zeitkolorit der Kaiserzeit geschaffen – und 104 Jahre später liest es sich noch immer mit einer gewissen Aktualität.

Emma Nuss, Aus dem Tagebuch eines Tauentzien-Girls. Walde & Graf, 2018. Gebunden, 112 Seiten, 14,- Euro.


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Wildnis ist ein weibliches Wort

„… weil ein Mädchen, das der modernen Gesellschaft den Rücken kehr und mir nichts, dir nichts in die Wildnis verschwindet, um dort von selbst erlegten kleinen Tieren und Wildpflanzen zu überleben, bloß als verstörend wahrgenommen wird.“

Dem Roman von Abi Andrews habe ich zuerst auf Englisch gelesen – wo mir der Titel The Word for Woman is Wilderness noch viel besser gefällt -, aber auch in der deutschen Übersetzung entfaltet das Buch eine ganz besondere Kraft. Erin ist 19, sie hat England noch nie verlassen, aber einen großen Traum: Sie will bis in die Wildnis von Alaska reisen, um sich dort in die Wälder zurückzuziehen. Dahinter liegt die Frage, ob man als Frau genauso reisen bzw. sich in die Einsamkeit zurückziehen kann, wie Männer das mit großer Selbstverständlichkeit tun – siehe Henry David Thoreau (der das Buch Walden oder Leben in den Wäldern) oder auch Christopher McCandless (von dessen Leben der Film Into the Wild erzählt).

Aber natürlich ist das nicht so: Auch wenn man Erin dieses you had better not mess with me ansieht, während sie auf dem Landweg über Grönland nach Alaska reist, kommt sie immer wieder mit Vorurteilen in Berührung. Weil sie ihre Expedition per Kamera dokumentiert, nimmt sie sich ausreichend Zeit, über das Erlebte zu reflektieren und holt dabei häufig gleich zu einem Rundumschlag über gesellschaftliche Verhältnisse, naturwissenschaftliche Errungenschaften und geschichtliche Ereignisse aus – am Ende dreht es sich nicht um nur die Frage nach dem Rückzug in die Einsamkeit sein, sondern nach dem Platz, die jeder einzelne von uns in der Gesellschaft hat. Ein manchmal verwirrendes, aber größtenteils absolut inspirierendes Buch, das tatsächlich seinesgleichen sucht!

Abi Andres, Wildnis ist ein weibliches Wort. Tempo Verlag, 2018. Gebunden, 400 Seiten, 22,- Euro.


Weitere Romane über wagemutige Frauen

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°° Annemarie Weber, Die jungen Götter, Aviva Verlag °° Esther Kinsky, Hain, Suhrkamp (meine Rezension) °° Claudia Tierschky, Engele, Rowohlt (meine Rezension) °° Natascha Wodin,  Irgendwo in diesem Dunkel, Rowohlt °° Annette Hess, Deutsches Haus, Ullstein (meine Rezension) °° Céline Minard, Das große Spiel, Matthes & Seitz (meine Rezension) °° Dörte Hansen, Altes Land, Knaus Verlag °° Daniela Emminger, Kafka mit Flügeln, Czernin Verlag °° Katharina Adler, Ida, Rowohlt Verlag (meine Rezension) °°

Das waren Bücher über wagemutige Frauen, die ich in diesem Jahr gelesen habe – welche Romane oder Sachbücher habt ihr zu dem Thema gelesen und/oder könnt sie empfehlen?

4 Kommentare

  1. Oh sehr gut! Ich hatte insgeheim schon gehofft, dass noch ein paar Geschenketipps kommen werden. Danke sehr!
    Ist zwar schon älter und der Titel ist nicht sooo toll, aber ich kann sehr das Buch „Mit dem Mut des Herzens. Die Frauen des 20. Juli“ von Dorothee von Meding empfehlen (btb). Das ist eine Sammlung mit Interviews mit den Frauen der Beteiligten am Attentat des 20. Juli. Es ist allein schon aufgrund der Vielfalt der Persönlichkeiten sehr spannend.

    • Fräulein Julia

      Ja, das klingt in der Tat sehr spannend, schreibe ich mir mal auf! Und was die Geschenktipps angeht: Da kommen diesen Advent noch mehr… 😉

  2. Tolle Zusammenstellung – gerade „1919 – Das Jahr der Frauen“ klingt spannend und ist mir bislang überhaupt nicht untergekommen.
    Die beeindruckendste Leseerfahrung in Sachen „Wagemutige Frauen“ war dieses Jahr für mich das Memoir „Erinnerungen einer Jugend“ von Vera Brittain (Matthes&Seitz). So beeindruckend, wie klar und unsentimental Brittain ihre Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und ihre anschließendes Werben für Pazifismus schildert. Großartige Wiederentdeckung!

    • Fräulein Julia

      Danke, dass du mich in diesem Zusammenhang noch einmal auf Vera Brittain aufmerksam gemacht hast – das hatte ich schon gesehen, aber – wie das oft so ist – wieder vergessen…

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