Geschenktipp Nr. 3: „Konzert ohne Dichter“

Heinrich Vogeler, Sommerabend. Das Konzert (1906)

Heinrich Vogeler, Sommerabend. Das Konzert (1906)

Eigentlich hätte in dem Gemälde auch Rainer Maria Rilke zu sehen sein sollen – doch er fehlt. Warum der Maler Heinrich Vogeler den Freund aus dem Bild löschte, erzählt der wundervolle Roman „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick. Mein Geschenktipp Nr. 3. 

Wir befinden uns in der Zeit der Jahrhundertwende: Im niedersächsischen Worspwede, unweit von Bremen und mitten im Torfmoor, hat sich eine Künstlerkolonie gegründet. Die malenden Herren – darunter Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler – und später auch die nicht minder berühmten Damen Clara Westhoff und Paula Modersohn-Becker, finden hier ideale Lichtbedingungen und scheinbar nie endende Inspiration für ihre Arbeiten.

Bis Rainer Maria Rilke auftaucht, dieser mysteriöse Jüngling mit übergroßem Ego und einem Mangel an Mitgefühl und Anstand. Reguläre Arbeit ist ihm zuwieder, er fühlt sich Höherem berufen und führt stets ein Notizbuch mit sich, um seine scheinbar druckreifen Gedanken zu Papier zu bringen. Doch irgendetwas an ihm wirkt faszinierend: Es entsteht eine Freundschaft zwischen dem Dichter und dem Künstler Heinrich Vogeler – aus dessen Sicht die Geschichte erzählt ist – und auch die beiden Frauen Clara Westhoff und Paula Modersohn lassen sich von Rilke den Kopf verdrehen.

Ein Künstler in der Sinnkrise

Heinrich Vogeler betrachtet diese Menage a trois mit einem Stirnrunzeln; er selbst ist verheiratet und hat seiner Familie mit dem pompösen Barkenhoff ein stattliches Heim geschaffen. Seine romantisierenden Gemälde sind über die Landesgrenzen hinweg bekannt und auch für seine kunsthandwerklichen Arbeiten kann er sich vor Aufträgen kaum retten. Und obwohl er sich Anfang des neuen Jahrhunderts auf dem Zenit seines Erfolgs befindet, plagen ihn die Selbstzweifel: Wofür macht er das eigentlich alles?

rezension_modick_coverEr gestaltet alles, vom verschnörkelten Bettpfosten über filigrane Wandmalerei bis hin zu Illustrationen für Buchcover – doch was davon kann er eigentlich wirklich gut? Gerne würde er schlichte, schnörkellose Gegenstände entwerfen, form follows function, aber er traut sich nicht. Der Neid auf diesen hedonistischen Bohèmien Rilke ist unübersehbar und schaukelt sich derart hoch, dass Vogeler den Freund kurzerhand in seinem Gemälde „Sommerabend. Ein Konzert“ kurzerhand wieder übermalt.

Klaus Modick hat mit Konzert ohne Dichter einen Roman geschrieben, der auf mehreren Zeitebenen spielt – Heinrich Vogeler in der Sinnkrise 1905 und etliche Rückblicke bis ins Jahr 1895 – und der Hauptfigur dadurch ausreichend Zeit gibt, sich zu entwickeln.

Die Geschichte der Künstlerkolonie im Torfmoor, der Tücken einer Dreiecksbeziehung und anderen Liebschaften und der immerwährenden Suche nach Bestätigung und Lob vermischt sich auf etwas mehr als 200 Seiten zu einem ruhigen und einfühlsamen Erzählstrang, der beim Lesen so angenehm entschleunigt, als schaue man einer Zimmerpflanze beim Lesen zu. In Kombination mit der einzigartigen Sprache, mit der der Autor Sätze formuliert, als seien sie selbst Gemälde, ist dieser Roman ein wahrer Genuss. Dringende Leseempfehlung!

//Geeignet für//
Alle, die sich für Kunst- und Literaturgeschichte interessieren oder wissen möchten, wie es in einer Künstlerkommune zur Jahrhundertwende zuging

Klaus Modick: Konzert ohne Dichter
Kiepenheuer & Witsch, 2015.
Gebunden, 240 Seiten, 17,99€.
ISBN: 978-3-462-04741-7

Kategorie Allgemein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree