Geschenktipp Nr.8: „Der Wächter von Pankow“

Greifenhagener Ecke Stargarder Straße in den 1980er Jahren / Foto: pardonreeds

Greifenhagener Ecke Stargarder Straße in den 1980er Jahren / Foto: pardonreeds

Nach Sarah Bosetti hinter Geschenktipp Nr.7 habe ich heute noch einen Lesebühnen-Dichter für euch: Jochen Schmidt versammelt in „Der Wächter von Pankow“ allerlei Geschichten aus den bisherigen Jahrzehnten seines Lebens. Das macht großen Spaß!

„Man müßte das alles noch einmal erleben und diesmal besser auf alles achten. Ich würde ja gerne die letzten 30 Jahre meines Lebens damit verbringen, mir die ersten 30 Jahre als Film anzusehen“, sinniert der Erzähler, als er nach 13 Jahren zum ersten Mal wieder die Wohnung seiner Ex-Freundin besucht. Es war die große Liebe damals – doch die ist in sich zusammengefallen wie die Berliner Mauer, hinter deren grauen Beton er aufgewachsen ist und die seine Teenagerzeit so stark beeinflusst hat, dass sie auch heute immernoch irgendwie vorhanden ist.

Schmidt erinnert sich an die turbulente Wendezeit, in der er eigentlich nur schreiben wollte, doch wo von jetzt auf gleich alles anders wurde:

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„Ich konnte mich auch nicht darauf konzentrieren, weil ich ständig überfordert war, mit allem, was wir seit der Wende lernen mußten. Beim Fahrradfahren einhändg einen Döner zu essen. Meine neue fünfstellige Postleitzahl. Wie man eine Flasche Wick Medinait aufschraubt. Daß die Dimitroffstraße früher Danziger geheißen hatte. Daß man am Ende meistens die Rautetaste drücken muß. Wie man einen Wohnberechtigungsschein beantragt.“
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Natürlich ist diese Schmidt’sche Erzählsammlung nicht ausschließlich mit humorvoll-(n)ostalgischen Anekdötchen aus „der guten alten Zeit“ vor 1989 gefüllt, sondern auch mit kuriosen Erlebnissen der neueren Vergangenheit. So begleiten wir ihn auf einen Besuch bei der Schriftstellerin Karen Duve, die er gewissermaßen anbetet: „Meine Duve-Exemplare sind voller Anstreichungen, weil sie so viele Sätze formuliert, die man sich in ein Deckchen sticken möchte.“

pankowSpazieren mit ihm durch das Naturhistorische Museum in Wien und begleiten ihn auf eine Reise nach China, wo er vor einer Gruppe Studenten aus seinen Texten lesen soll und die kulturellen Unterschiede bewirken, dass seine Schlußpointen nicht funktionieren.

Sogar über eine Packung Kaffee Marke „Dallmayr Prodomo“ (an dieser Stelle muss ich als Werbunggetränktes Kind der 80er gleich den dazugehörigen Slogan murmeln) schafft es Schmidt, einen Text zu schreiben, bei dem man schmunzeln muss – und so, an der letzten Seite angekommen, das Buch mit ein paar neuen Lachfalten im Gesicht zur Seite legt!

//Geeignet für//
Alle, die sich für die (humorvolle in Szene gesetzte) Geschichte Berlins interessieren. Freunde von pointenreichen Anekdoten erfahrener Lesebühnen-Autoren.

Jochen Schmidt
Der Wächter von Pankow
C.H. Beck, 2015
Gebunden, 237 Seiten, 18,95€
ISBN 978-3-406-68186-8

Kategorie Allgemein