Geschmacksverirrung

Berlin

Berlin-Logbuch XV: „Das man in dieser großen Stadt einige an bunten Vögeln zu sehen bekommt, habe ich ja jetzt schon bemerkt. Aber manche übertreiben es dann doch ein bisschen, was das Styling angeht“

Es sei denn sie gehen morgens nach dem „was-von-meinen-klamotten-ist-noch-sauber“- Prinzip vor. Davon gibt es auch einige hier. Aufgrund dieser Farbenvielpracht ist es immer wieder interessant hier Bahn zu fahren oder durch die Straßen zu streunen; ständig begegnet man seltsam gekleideten Personen, auf der Suche nach dem nächsten ausgefallenen Kleidungsstück – die Szene erwartet Kreativität. Für manche scheint es nicht anders möglich als durch ihren kreativen Kleidermix Individualität zu erreichen, deshalb müssen schon mal türkise
Strumpfhosen zu roten Stiefeln und einem lilanen Rock herhalten, dazu ein gelb gerüschtes T­Shirt und eine stylishe Frisur a la Unisex. Obwohl es die hier ja gar nicht gibt, dafür aber
allerlei andere Namensgebungen wie Kaiserschnitt oder Schnittmenge.

Sieht der Mix aus diversen Mustern und Stoffen bei manchen Persönchen jedoch noch annehmbar aus, setzen einige mithilfe ausgefallener Schminktechniken noch einen drauf. Vielleicht hänge ich modetechnisch gesehen ja auch etwas hinterher, aber wann ist es modern geworden, sich die Augenlider in pink anzumalen, so dass man aussieht als hätte man stundenlang krampfhaft geheult, um sein Ziel zu erreichen? Oder türkisen Lidschatten, bei dem man eine vorangegangene Prügelei vermutet, oder womöglich noch Kanarienvogel gelben Lidschatten, bei dem ich unweigerlich an Gelbsucht denken muss?

Berlin

Eben wieder ein repräsentatives Beispiel in der U-Bahn: Ein Mensch stiefelt barfuss in die Bahn, um sich sofort ausgiebig damit zu beschäftigen, seine Fingernägel rot zu lackieren. Er trägt eine Jeans mit angenähtem Schlag aus chinesischem Stoff, dazu ein blau geblümtes Trägertop, darüber eine schwarze Rüschenbluse gewickelt. Und natürlich Lidschatten und ganz viele Ringe. Er verhält sich so tuntig, das es schon fast lächerlich ist und unreal wirkt. So, als wäre er vom Theater und müsse eine neue Rolle einstudieren, für die er sich diese Gelegenheit als Feldstudie ausgesucht hat.

Ich bin meiner Meinung nach sehr tolerant gegenüber diesen Menschen, auch wenn sich das abwertend anhört, aber schließlich komme ich aus Köln, da ist so etwas an der Tagesordnung. Aber das Verhalten dieses Menschen, das war einfach unecht, zu wenig überzeugend. Da bringt auch das überzogene Diva-Gehabe und das Mit-dem-Po-wackeln gegenüber dem Fahrscheinkontrolleur nicht sehr viel.

Hier scheint es also an der Tagesordnung zu sein, sich in gemischten Farbmixen zu kleiden, dabei ist es doch gar nicht nötig, sich selber auch noch bunt anzuziehen, wo die Stadt selber doch schon so vor Farben strotzt. Aber hier scheint das Motto ..sehen und gesehen werden“ noch ganz groß geschrieben zu werden. Irgendwie muss man ja auffallen. Und da dies in dieser großen Stadt, in der an jeder Ecke ein Künstler seine Vernissage feiert und in der jeder zweite
Mensch in meinem Alter eine eigene Band hat, nicht so einfach möglich ist, versuchen manche dies anscheinend auf dem Wege der Kleidung. Aber ich muss zugeben, auch wenn es manchmal stark die Augen reizt, in gewisser Weise sieht es ja gut aus – und zeugt von einer seltsamen Art von Kreativität.

Playlist:
Gorillaz: „Feel good inc.


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!