Großstadtgeflüster

DickichtFoto: Priscilla du Preez / Unsplash

In „Dickicht“ erzählt Nina Bußmann mit leisen Tönen die Geschichte dreier Menschen, die in den Wirren der Großstadt und in sich selbst gefangen sind.

Dieser Roman spielt in Berlin, aber eigentlich ist das nicht wichtig, es könnte auch Köln oder Hamburg sein. Oder doch nicht? Schon von der ersten Seite an fühlte ich mich kalt erwischt, als hielte man mir den Spiegel vor: Dieses Unentschlossene, Spontane, dieses sich-nicht-festlegen-wollen auf einen Lebensentwurf. Zur schamanischen Heilpraktikerin gehen oder sich die Karten legen lassen, anstatt Nägel mit Köpfen zu machen und bitte reden wir nicht mehr über das Kinderthema, ist noch Wein da? Irgendwie ist das dann doch so Berlin.

In dieses Dickicht aus persönlichen Vorstellungen und gesellschaftlichen Erwartungen haben sich auch die drei Hauptfiguren Ruth, Katja und Max verwickelt. Max ist ungefähr Ende Zwanzig, macht ein Praktikum im Kindergarten und engagiert sich bei einem linken Kollektiv, dass unter anderem Menschen unterstützt, die aus ihrer Wohnung weggentrifiziert werden sollen.

Dazu gehört auch Ruth, die ihre Zuhause innerhalb des Rings (es gibt in Berlin keine Innenstadt in dem Sinne, aber einen S-Bahn-Ring, der die Stadt sozusagen in einen angesagten und einen uncoolen Bereich teilt) verliert und zwangsgeräumt wird. Das Ereignis selbst beschreibt die Autorin nicht, dafür die psychischen Folgen, die das für Ruth hat: Sie beginnt immer häufiger zu trinken, die Schwelle zwischen „Nur zum Spaß“ und „Geht nicht mehr ohne“ ist längst überschritten. Nachdem sie eines Nachts, wahrscheinlich betrunken, im Park gestürzt ist, lernt sie im Krankenhaus Katja kennen.

Dickicht

Katja liegt dort, weil ihr aus einem rätselhaften Grund die Haare büschelweise ausfallen; sie ist verheiratet mit Milan, einem spröden Juristen dem es schwerfällt, seine Gefühle zu artikulieren. Katja passt sich an, hält ihrerseits die Füße still und versucht ihrem Mann alles recht zu machen. Auch mal „Nein“ sagen oder Grenzen gegenüber den Anforderungen anderer Menschen zu setzen, fällt ihr schwer und so ist sie – unbeabsichtigt – gefundenes Fressen für Ruth. Die sucht nämlich jemanden, der sich um sie kümmert – aber nur dann, wenn sie das explizit fordert.

Dieser Roman hat keine ausgefallene Handlung, aber das stört nicht: Nina Bußmann weiß nicht nur, wie man Figuren so charakterisiert, dass sie derart plastisch wirken, als stünden sie neben der Lesenden im Raum. Sie besitzt auch ein äußerst feines Gespür für die leisen Zwischentöne in Handlungen und Gesprächen, für das Unausgesprochene und Gedachte, für Gesten und Mimiken, die im Trubel des Alltags selten beachtet werden.

„Seine Konturen wurden härter, dazwischen verblasste er. Oft sah sie ihn sein Spiegelbild prüfen, im Vorbeigehen an Fenstern, gründlicher, er wenn er sich allein im Bad glaubte.“

Dieser Alltag der drei Charaktere ist nicht laut, sogar dann nicht, wenn lebensverändernde Entscheidungen ihn auf links stülpen – niemand schreit, rauft sich die Haare, geht vor Wut an die Decke. Ist das noch Selbstkontrolle oder schon Resignation?

Dickicht ist ein sehr ruhiger und trotzdem mitreißender Roman über die Suche nach Halt in der Anonymität, nach Rausch und Vergessen und gleichzeitig Klarheit und Struktur. Und ja, irgendwie passt das tatsächlich nach Berlin.

Nina Bußmann
Dickicht
Suhrkamp Verlag, 2020
Gebunden, 317 Seiten, 24 Euro