Hexe mit Freiheitsdrang

Lolly

Eine der schönsten Wiederentdeckungen des Jahres: Sylvia Townsend Warner lässt in „Lolly Willowes“ die Konventionen der Jahrhundertwende hinter sich – und Hexen tanzen.

Als Frau ab einem gewissen Alter kennt man diese Fragen zur Genüge: Ob man nicht langsam mal Kinder kriegen möchte, warum man eigentlich Single ist und ob man sich nicht einen passenden Mann suchen möchte – Fragen, die man ebenfalls ab einem gewissen Alter einfach nicht mehr beantwortet. Laura Willowes, die von allen Lolly genannte Hauptfigur des gleichnamigen Romans, den Sylvia Townsend Warner 1926 publizierte, kann ein Liedchen davon trällern. Während ihre Brüder sich schnell eine adrette Frau suchen und eine eigene Familie gründen, wird von ihr erwartet, dass sie sich um den alternden Vater kümmert. Und auch nach dessen Tod kommt niemandem in den Sinn, dass Lolly eventuell eigene Pläne für ihr Leben haben könnte:

„Bereits 1902 gab es einige fortschrittliche Geister, die sich wunderten, warum Miss Willowes, der es ganz gut ging und die wahrscheinlich nicht mehr heiraten würde, sich nicht einen eigenen Hausstand einrichtete und etwas Künstlerisches oder Emanzipiertes anfing. Lauras Verwandten allerdings kam so etwas nicht in den Sinn. Kaum dass ihr Vater gestorben war, hielten sie es für selbstverständlich, dass sie ganz in dem Haushalt des einen oder anderen Bruders aufgehen würde.“

Lolly macht das noch eine Weile mit, genauer gesagt zwanzig Jahre, doch dann wird der Drang zu groß. Immer häufiger versinkt sie in Tagträumen, doch handeln diese von keinen schönen Orten und üben eine eigenmächtige Anziehungskraft auf sie aus, die sie sich nicht erklären kann.

„Ihr Geist tastete nach etwas, das sich ihrer Erfahrung entzog, ein Etwas, das im Dunkeln lag und bedrohlich war und doch auf gewisse Weise anziehend. Einsamkeit, Traurigkeit, eine Neigung, sich zu ängstigen, etwas wie ein heidnisches Geweihtsein – das war es, was ihre Gedanken von dem gemütlichen Feuer abrief.“

Wer in der Welt sowieso als komischer Kauz verrufen ist, muss sich keine Gedanken mehr machen und so packt Lolly irgendwann ihre Koffer und zieht aufs Land, weit weg von ihrer Familie und vor allem mit ganz viel Zeit für sich alleine. Diese Ruhe wird allerdings empfindlich gestört, als sich ihr Neffe Titus bei ihr einnistet und mehrere seltsame Ereignisse passieren, für die Lolly nur eine Erklärung hat: Der Teufel ist im Spiel. Denn um dem eingeengten Leben bei ihrer Familie zu entkommen, hatte sie seinerzeit mit dem Gehörnten einen Pakt geschlossen. Oder hat das nur in ihrer Phantasie stattgefunden? Und was ist mit den nächtlichen Hexentänzen, an denen die Frauen ihres neuen Wohnortes regelmäßig teilnehmen?

Ob Lolly Willowes tatsächlich mit dem Teufel im Bune steht – der immer wieder in der Gestalt eines Jägers auftaucht – oder sich das nur vorgestellt hat; ob die alleinstehende Frau, die sich mit Kräutern auskennt und eine Katze besitzt, tatsächlich eine Hexe ist oder sich das nur wünscht, ist letztendlich nicht wichtig. Denn Lolly Willowes ist ein Roman, der von Emanzipation und Selbstermächtigung, von Freiheitsdrang und gesprengten Konventionen erzählt – und damit im Jahr 1926 sicher nicht nur offene Türen einrannte, aber die Autorin schlagartig berühmt machte.

Als Virginia Woolf Sylvia Townsend Warner fragte, woher sie soviel über Hexen wisse, antwortete sie mit „Weil ich selber eine bin“, erfahren wir im Nachwort von Manuela Reichart. Auch, das David Garnett, selbst Schriftsteller, einst eines ihrer Gedichte an einen Verlag schickte und ihr so den Einstieg in die Literaturszene ermöglichte; selbst wenn ihre Lyrik nur wenig Erfolg hatte, prägte sie doch später ihren belletristischen Schreibstil.

Ohne Prunk und Pomp, dafür mit ironischem, teilweise bissigem Humor erzählt Sylvia Townsend Warner von einer Frau, deren Leben sich auf wenige Orte beschränkte und die doch so viel zu erzählen hat. Für mich eine der charmantesten Wiederentdeckungen des Jahres!

Sylvia Townsend Warner
Lolly Willows oder Der liebevolle Jägersmann
Aus dem Englischen von Ann Anders
Dörlemann Verlag, 2020
Gebunden, 272 Seiten, 25 Euro