Hinterm Bombenwäldchen in der Rykestraße

Stern 111

Prenzlauer Berg in der Nachwendezeit: Lutz Seiler hat mit „Stern 111“ einen preisgekrönten, autobiographisch geprägten Roman geschrieben.

Ich wurde schon häufiger gefragt, warum es hier auf dem Blog eigentlich keine Besprechung von Stern 111 gibt – wo es doch ein typischer Berlin-Roman ist und außerdem direkt vor meiner Haustür spielt. Das liegt daran, dass ich Herrn Seiler kurz nach der Verleihung des Leipziger Buchpreises für das Stadtmagazin tip Berlin interviewt, einen Autorenporträt für die Büchergilde und einen Text für die Prenzlauer Berg Nachrichten geschrieben habe – letzteren veröffentliche ich nun auch hier. Ein Jahr nach Erscheinen des Buches, aber besser spät, als nie!

Für gewöhnlich verlässt ein Kind irgendwann das elterliche Nest, um ein eigenes, unabhängiges Leben zu führen. Eigentlich traf das auch auf Carl zu, Hauptfigur in Lutz Seilers neuem Roman Stern 111, der längst aus dem Haus in Gera ausgezogen war. Doch dann wird die Welt durchgeschüttelt, die Grenzen zwischen DDR und Bundesrepublik öffnen sich – und seine Eltern packen sofort ihre Sachen und gehen in den Westen, um sich einen lang gehegten Traum zu verwirklichen. Carl fährt sie mit dem Auto über die Grenze und soll dann in Gera die Stellung halten.

Welcher Traum das ist und warum sie damit so lange warten mussten, verraten sie ihrem Sohn erst am Ende des Romans und lösen damit eine existenzielle Krise bei ihm aus: Wo ist man zuhause, wenn die dazugehörigen Menschen verschwinden? Was macht man, wenn man von den Eltern verlassen wird?

Stern 111

Porträt über den Autor, erschienen im tip Berlin

„Für einen Moment beschlich ihn der Verdacht, dass die Welt, der er angehörte, klammheimlich verschwunden und er einer der Übriggebliebenen war, ein Stück angefaultes Treibholz auf dem großen breiten Strom der neuen Zeit.“

Dass diese erzwungene Neuausrichtung seines Lebens ihn seinem Ziel, Schriftsteller zu werden, deutlich näher bringt, weiß er noch nicht. Nach zwei Wochen Lethargie in den verlassenen Räumen seiner Kindheit packt er ohne Plan seine Sachen in das alte Auto seines Vaters und fährt nach Berlin. Berlin, diese mythengesäumte Stadt, in der er in eine bunte Truppe Lebenskünstler gerät, die im Keller eines heruntergekommenen Hauses auf der Oranienburger Straße eine Kneipe namens „Assel“ einrichten und ihn in ihr experimentelles Kollektiv aufnehmen.

Prenzlauer Berg, wo er die Tür einer Hinterhauswohnung in der Rykestraße aufbricht um dort einzuziehen, das Vorderhaus wurde im Krieg zerschossen, im entstandenen Krater war über die vergangenen Jahrzehnte ein kleines „Bombenwäldchen“ gewachsen. Regelmäßig macht er lange Spaziergänge rund um den Wasserturm:

„Kaum ein Abend verstrich, an dem Carl den Turm (den Wächter, wie er ihn für sich nannte) nicht wenigstens einmal umkreiste, es war seine erste Gewohnheit als Bewohner dieser Gegend. Der Wächter stand auf einem mit Büschen und Bäumen bewachsenen Hügel, darunter eine einzige Kiefer, die Carl sofort sofort ins Herz geschlossen hatte.“

Und dann ist da noch Effi, bei der Carl bereits zu Jugendzeiten in Gera schweres Herzklopfen hatte und die er nun – sie ist Künstlerin geworden – in der Acud-Galerie wieder trifft. Gemeinsam lassen sie sich durch die Subkultur und Hausbesetzerszene von Prenzlauer Berg treiben, lieben und streiten sich, Effi malt Bilder, Carl schreibt seine ersten Gedichte. Berlin ist erneut zur Projektionsfläche für bisher unterdrückte Träume geworden, der idealen Spielwiese für die Selbstverwirklichung. Aber wie lange kann die Idylle hinter der unsanierten Fassade im ehemaligen Ost-Berlin den Zeitläuften standhalten?

Stern 111

In der Büchergilde gibt es eine Ausgabe mit illustriertem Cover

Lutz Seiler hat mit dem Roman Stern 111, der im Frühjahr 2020 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, weder Autobiographie noch Autofiktion geschrieben – und dennoch spielt seine eigene Lebensgeschichte eine wichtige Rolle in diesem Text. Wie Carl wurde auch Seiler in Gera geboren und zog nach dem Fall der Mauer nach Prenzlauer Berg, auch für den Autor lagen in der feuchten und lichtarmen Hinterhofwohnung die Anfänge seiner Laufbahn als Lyriker. Und sogar die „Assel“ in Mitte hat es tatsächlich gegeben, Seiler hat dort hinter der Theke gearbeitet.

Man kann den autobiographischen Hintergrund als Beweis für die Authentizität der damaligen Atmosphäre des euphorischen Aufbruchs heranziehen, doch baut der Roman seinen Charme nicht allein darauf auf: Lutz Seiler, der bereits 2014 für seinen Vorgängerroman Kruso mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, vermag es, das Heranwachsen eines jungen Mannes aus der Orientierungslosigkeit zu einem selbstbewussten Dichter so geistreich zu beschreiben, als hätte man noch nie zuvor eine Coming-of-Age-Geschichte gelesen. Es ist das traumwandlerische Bildnis des Künstlers als junger Mann sowie die Mischung aus einer individuellen Suche nach Halt und dem kollektiven Chaos einer auf links gestülpten Welt, die diesen Roman zu einem literarischen Kleinod machen, in dem jeder Satz sitzt.

Lutz Seiler
Stern 111
Suhrkamp Verlag, 2020
Gebunden, 528 Seiten, 24 Euro.
Taschenbuch, 525 Seiten, 12 Euro