Hooray, Indiebookday! Meine Tipps aus den unabhängigen Verlagen

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Am 30. März ist wieder Indiebookday, eine Aktion, mit der man die unabhängigen Verlage unterstützen kann. Zur Inspiration stelle ich euch sechs Bücher vor!

Die beiden letzten März-Wochen sind traditionell Highlights im Kalender jeder lesewütigen Person: Erst versammelt die Leipziger Buchmesse die ganze Branche auf einem Fleck, kurz danach ist Indiebookday. Für mich hat dieser „Feiertag“ in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung: Ich bin Teil des neuen Teams von „We read Indie“, einem Blog-Kollektiv, dessen Schwerpunkt ich wohl nicht weiter erklären muss…

Am 30. März nun finden deutschlandweit Veranstaltungen statt, die die Arbeit der unabhängigen Verlag hervorherben und unterstützen: „unabhängig“ bedeutet, keinem großen Konzern anzugehören, deshalb stärker den Schwankungen am Markt ausgesetzt zu sein, oft auch weniger Aufmerksamkeit durch die Medien zu bekommen. Doch ein Blick in die Programme der unabhängigen Verlage zeigt, dass hier sehr viele Menschen mit sehr viel Leidenschaft am Werk sind und sich nicht scheuen, auch mal abseitige Themen zu verlegen. Schwarze Zahlen in der Buchhaltung sind trotzdem eine schöne Sache und so können wir am Indiebookday dazu beitragen, indem wir ein Buch aus diesen Verlagen kaufen!

Wer jetzt auf der Suche nach Inspiration ist oder noch gar keine Idee hat, was er kaufen könnte, für den habe ich sechs Bücher aus unabhängigen Verlagen rausgesucht – und zwar aus den Jahren 2014 bis 2019 (denn auch die Backlists haben Liebe verdient!). Voilá!

 

Sarah Schmidt
Eine Tonne für Frau Scholz

Verbrecher Verlag

indiebookdayZu meinen Lieblingsbüchern im Jahr 2014 gehörte definitiv Eine Tonne für Frau Scholz von Sarah Schmidt. Bücher, in denen Berlin eine wichtige oder gar die Hauptrolle spielt, lese ich wahnsinnig gerne (die typische Selbstverliebtheit der Hauptstädter wahrscheinlich…). Die Geschichte handelt von Nina Krone und ihrem Mann, die in einem der letzten unsanierten Häuser Berlins wohnen. Von nachbarschaftlichem Zusammenhalt kann keine Rede sein. Bis Nina ihrer alten Nachbarin eine Tonne Kohlebriketts vor die Tür stellt, ungefragt, und sich dann einfach zum Kaffee aufdrängt. Denn sollte man generationsübergreifend nicht viel mehr miteinander reden? Meine vollständige, fünf Jahre alte Rezension findet ihr hier.

 

Tomas Espedal
Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

Matthes & Seitz Berlin

indiebookdayKann man diesem Titel widerstehen? Ich konnte es definitiv nicht, auch wenn ich mich dann zwischen den Buchdeckeln in einer Art feuchtem Männertraum wiederfand: Einfach alles stehen und liegen lassen, nicht Auf Wiedersehen sagen, sondern ohne Plan und Ziel loslaufen, Frau und Kind bleiben zurück. Tomas Espedal bzw. der Erzähler in seinem Buch tut genau das – „bin kurz Zigaretten holen“ und kommt nicht mehr wieder.

Das Gehen wird für ihn zu einer Selbsterfahrung und einem Rausch, aus dem er nicht mehr entkommt: „Es gibt einen Punkt, ein Stadium, in dem das Gehen süprbar eine Grenze überschritten hat; ich habe keine Lust mehr, Halt zu machen, will einfach weitergehen, gehen, gehen, es spielt keine Rolle mehr, wo und warum, in welche Richtung, das Gehen ist ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, es ist ein Rausch, ein Freiheitsrausch“. Wird er letztendlich irgendwo ankommen? Findet es heraus!

 

Uwe Rada
1988
edition.fotoTAPETA

IndiebookdayNoch ein Berlin-Roman: 1988 von Uwe Rada hat mehrere Schauplätze, zum einen das quirlige, anarchisch geprägte Westberlin, zum anderen das noch hinter dem Eisernen Vorhang liegende Polen der späten 1980er Jahre. In einer Hinterhofkneipe in Kreuzberg, draußen fliegen die Steine bei den Demonstrationen zum 1. Mai, lernen sich Jan und Wiola kennen, er „Revolutionsromantiker“ aus Westberlin, sie Doktorandin aus Krakau. Während Wiola sich in politischen Dingen sowohl in Polen als auch in Deutschland auskennt, muss Jan passen – erst Recht in Bezug auf Polen. Die beiden leben eine platonische Liebe im Schatten der Mauer, bis Wiola Jan mit in ihre Heimat nimmt. Ein sehr bildhafter, plastischer Roman, der viel über die unruhigen Zeiten zum Ende des Kalten Krieges erzählt.

 

Marie Darrieussecq
Unser Leben in den Wäldern
Secession Verlag

IndiebookdayDystopien lese ich eher selten; wenn man als Journalistin arbeitet, ist man den ganzen Tag mit düsteren Zukunftsszenarien und den Unzulänglichkeiten der Politik konfrontiert, da möchte ich mich nicht auch noch privat mit beschäftigen. Doch Unser Leben in den Wäldern kann ich uneingeschränkt empfehlen: In einer gefühlt gar nicht so fernen Zukunft sind die Menschen durch in den Körper eingepflanzte Mikrochips vollständig überwachbar und manipulierbar, es werden Klone gezüchtet, die als Ersatzteillager dienen. Eine mutige Gruppe Menschen schafft den Ausstieg und flieht in die Wälder, darunter auch die Erzählerin, die ihre Erlebnisse offenbar unter Zeitdruck in einem Schulheft für die Nachwelt niederschreibt. Wohnröhren, Mikrochips, Überwachung etc. sind streng genommen abgegriffene Bilder aus der Dystopien-Ideenkiste – und trotzdem funktioniert dieser Roman. Ein kalter Schauer auf dem Rücken inbegriffen. Meine vollständige Rezension findet ihr hier.

 

Lola Randl
Der grosse Garten
Matthes & Seitz Berlin

indiebookday„Roman“ steht auf dem Buch mit dem wundervoll illustrierten Cover, aber ist dies wirklich ein Roman? Lola Randl, Filmemacherin und jetzt auch Autorin, schreibt in Der große Garten über ihr Leben auf dem Land in einem kleinen Dorf in der Uckermark. Sie wohnt dort tatsächlich, Gerswalde heißt das kleine Fleckchen, und ich habe im vergangenen Sommer bei ihr im Rahmen der „Landpartie“ von Matthes & Seitz einen wundervollen Tag bei Kaffee und Kuchen zwischen Blumen verbracht. Ihr Buch versammelt philosophisches, naturkundliches, nachdenkliches und humorvolles aus ihrer Arbeit als Hobbygärtnerin und dem Leben mit zwei Kindern, einem Ehemann, einem Liebhaber und einer Mutter im Haus – das ist charmant und witzig, obwohl die Texte allesamt in einer simplen, fast schon naiv wirkenden Sprache verfasst sind. Ein Buch, das Lust auf Sommer und Natur macht!

 

Benjamin Balint
Kafkas letzter Prozess
Berenberg Verlag

indiebookdayIst über Franz Kafka nicht schon längst alles gesagt bzw. geschrieben worden? Mitnichten: Benjamin Balint hat sich den Prozess um die Manuskripte des legendären Autors vorgenommen, über den Eva Hoffe letztendlich verstorben ist. Sie war die Tochter von Esther Hoffe, die ihr die Handschriften vererbt hatte, die sie wiederum von Max Brod anvertraut bekommen hatte. Ihm verdanken wir, dass wir Kafka heute lesen können – eigentlich hatte der Autor seinen besten Freund verpflichtet, die Papiere nach seinem Tod zu vernichten. Tat Brod nicht – und so nahmen die Probleme ihren Lauf. Eine spannende Geschichte, ein undurchschaubarer Prozess mit vielen unlösbaren Fragen: Gehören die Kafka’schen Texte nach Deutschland, weil er auf deutsch schrieb, oder nach Jerusalem, weil er Jude war?

 

Und jetzt ihr: Was sind eure liebsten Indiebooks?

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