Ich erinnere, also bin ich: „Der Platz“ von Annie Ernaux

Vater

Schreibend die eigene Biographie verarbeiten: Annie Ernaux lotet in „Der Platz“ rückblickend die Beziehung zu ihrem Vater aus.

 

„Ich schreibe langsam. Beim Versuch, die bedeutsamen Etappen eines Lebens freizulegen, das Zusammenspiel aus Gegebenheiten und Entscheidungen, habe ich den Eindruck, dass mir die Einzigartigkeit meines Vaters mehr und mehr abhandenkommt.“

 

Schreiben, um sich zu erinnern, schreiben um nicht zu vergessen: Annie Ernaux ist eine begabte Chronistin ihrer eigenen Vergangenheit – das hat sie bewiesen in Die Jahre und Erinnerungen eines Mädchens. Mit Der Platz ist nun eine weitere Übersetzung ihrer literarischen Rückblicke in Neuauflage erschienen; diesmal nimmt sie sich ihren Vater vor, lotet ihre Beziehung zu ihm aus, ordnet sein Leben ein in den Kontext der Zeitläufte und versucht, sein Wesen zu ergründen.

Als sie dies tut – den Text schrieb sie in den Jahren 1982-83 – ist ihr Vater schon seit 15 Jahren verstorben. Sein Tod 1967 ist es, der das schmale Bändchen eröffnet, 95 Seiten reichen Annie Ernaux, um ihre Gedanken zu ihrem Vater aufzuschreiben. Wer war dieser Mann? Ruhig, fast schon kühl und mechanisch beschreibt sie die notwendigen Handlungen, die rund um die Beerdigung vorgenommen werden müssen – getrauert wird nur hinter vorgehaltener Hand, Gefühle werden zurückgehalten, die Contenance bewahrt. Zurück bleibt nur ein dumpfes Pflichtgefühl, darüber schreiben zu müssen.

„Ich wollte alles sagen, über meinen Vater schreiben, über sein Leben und über die Distanz, die in meiner Jugend zwischen ihm und mir entstanden ist. Eine Klassendistanz, die zugleich aber auch sehr persönlich ist, die keinen Namen hat. Eine Art distanzierte Liebe. Daraufhin begann ich einen Roman zu schreiben, mit ihm als Hauptfigur. Mittendrin ein Gefühl des Ekels.“

Vater

Den Roman verwirft sie, lässt Zeit verstreichen, nähert sich dann in losen Konturen wieder an. Erzählt von der Kindheit ihres Vaters in einfachsten Verhältnissen auf einem Bauernhof, seiner Arbeit in der Fabrik und der Hochzeit mit ihrer Mutter, später führen sie zusammen einen Kramladen mit angeschlossener Kneipe. Sie streben nicht nach anderem, sondern begnügen sich mit dem, was sie haben. Soziale Umstände, aus denen sich Annie Ernaux mit aller Macht freikämpfen möchte, indem sie Lehrerin wird und aus dem Dorf wegzieht – und damit dem Wunsch des Vaters, sie möge es einmal „besser haben als er“, gerecht wird.

Doch verbunden mit dem Aufstieg bleibt die Scham – über die Herkunft und über die Ablehnung dieser. Ihr Buch ist also mehr als nur eine Annäherung an ihren Vater, man kann es als eine Art Rechtfertigung lesen. Wo ist „der Platz“, an den man gehört? Kann man dieser sozialen Prägung überhaupt entgehen und inwiefern schreiben sich die Erfahrungen der Eltern in das eigene Handeln und Verhalten ein? Kann man die Geschichte seiner Eltern objektiv erzählen?

Annie Ernaux, das ist mir schon bei der Lektüre von Erinnerungen eines Mädchens aufgefallen, gönnt sich selber nichts in Bezug auf ihre Vergangenheit, sie hinterfragt, spürt auf, gräbt dort noch tiefer, wo es ihr besonders weh tut. Der Platz ist radikale Erinnerungsforschung, in glasklare Sätze ohne Plüsch und Pomp gegossen – Biographiearbeit, wie man sie selten zu lesen bekommt.

Annie Ernaux
Der Platz
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Suhrkamp Verlag, 2019
Gebunden, 94 Seiten, 18,-€

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