Ich möchte kein Eisfuchs sein

Eis

Gewalt, Missbrauch und Kälte: Tanya Tagaq erzählt vom Aufwachsen in der kanadischen Arktis und verwischt dabei Realität und Folklore.

„Ich denke daran, wie oft ich mir schon anhören musste, dass ich als Mädchen weniger wert bin. Ich denke daran, wie oft mich Männer angegrapscht haben, obwohl ich das nicht wollte.“

Im Gebiet Nunavut im Norden Kanadas ist es kalt, sehr kalt: Über ein halbes Jahr herrscht hier der Winter mit Temperaturen von bis zu minus fünfzig Grad, alles ist mit einer tiefen Schicht aus Eis überzogen und wenn man nicht aufpasst, frieren Finger oder Zunge an Gegenständen fest. Es sind die 1970er Jahre und wir sehen den Alltag der indigenen Inuit durch die Augen eines namenlosen Mädchens im Teenageralter. Der ist gezeichnet von Mobbing und Gewalt durch Mitschüler, von sexuellen Übergriffen durch Lehrer und Verwandte bis hin regelmäßigem sexuellen Missbrauch. Es fließt Blut – und zwar nicht nur aus den geschlachteten Tieren.

Sobald der Sommer und mit ihm die Helligkeit kommt, dürfen sich die Kinder frei in der Stadt bewegen, sie begeben sich auf teilweise lebensgefährliche Abenteuer, schnüffeln Lösungsmittel, haben allerlei Streiche und Dummheiten im Kopf, knutschen und verlieben sich. Mittendrin die Erzählerin: einerseits wirkt sie abgeklärt und mit einer kalten Schutzschicht umgeben, andererseits ist sie offen für Mythen, Folklore und Aberglaube ihres Volkes. Sie ist auf der Suche nach sich selbst und ihrem erwachsenen Ich. Und dann kommen die Polarlichter.

Eisfuchs

„Ich spüre, wie etwas in den Raum eindringt, von der oberen rechten Ecke her. Ich kann es nicht sehen, aber ich weiß trotzdem ganz genau, dass es da ist. Mein echtes Ich erkennt das Gefühl, es kennt den Ort, wo dieses Wesen herkommt, wo es lebt. Es gibt noch andere Wirklichkeiten, die neben unserer existieren; das nicht zu glauben wäre reine Dummheit.“

Dieser Roman lässt sich nur verschwommen zusammenfassen, es fehlen die passenden Worte, um das beklemmende Gefühl, das diese Geschichte hinterlässt, zu beschreiben: Tanya Tanaq hat über zwei Jahrzehnte Träume, Gedanken und Ereignisse für sich aufgeschrieben und sie nun in das Buch einfließen lassen – auch wenn es keine autobiographische Erzählung ist.

HIer vermischen sich die Lebensrealitäten der Inuit, die Machtphantasien und die Gewalt einer patriarchischen Gesellschaft, das Streben nach emanzipierter Unabhängigkeit mit märchenhaften, surreal wirkende Erscheinungen, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen (Stichwort Polarlichter). Eingeflochten in die episodenhaften, in poetischer Sprache verfassten Kapitel des Romans sind Gedichte, die an die zahlreichen Mädchen und Frauen der Inuit erinnern, die auf unerklärliche Weise verschwanden und nie gefunden wurden. So liest sich Eisfuchs mit einer eiskalten Hand im Nacken, die dort bleibt, bis man das Buch nach der letzten Seite verwundert, verwirrt und auch ein bisschen verzückt wieder zuklappt.

Tanya Tanaq
Eisfuchs
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Kunstmann Verlag, 2020
Gebunden, 196 Seiten, 20 Euro

Foto oben: Johny Goerend