Ich wollt‘ ich wär‘ ein Baum

Baum

Sumana Roy hat einen ungewöhnlichen Wunsch: In „Wie ich ein Baum wurde“ beschreibt sie ihre Faszination für die verwurzelten Pflanzen.

Schauspielerin, Apothekerin, Grafikdesignerin, Springreiterin und Journalistin: Als Kind hatte ich viele Ideen, was ich als Erwachsene beruflich machen möchte. Sumana Roy hatte sich bereits in jungen Jahren auf einen Zukunftswunsch festgelegt: Sie wollte ein Baum werden. Während ihre Umgebung dieses Anliegen als Spinnerei eines Mädchens mit Flausen im Kopf abtat, ließ die Faszination der indischen Autorin für die standfesten Zeitgenossen aber nicht nach. Im Gegenteil: Sie verfestigte sich, je älter sie und je eingespannter sie in die gesellschaftlichen Anforderungen wurde:

„Im Rückblick auf die Gründe für meine Unzufriedenheit mit dem Menschsein und meine Sehnsucht, ein Baum zu werden, sehe ich vor allem das Gefühl, von der Zeit terrorisiert zu werden. Als ich meine Armbanduhr vom Handgelenk und die Uhren von den Wänden nahm, wurde mir klar, dass mein ganzes Übel – und dies, weiß ich heute, habe ich mit vielen anderen gemeinsam – in dem Versagen begründet war, eine gute Sklavin der Zeit zu sein. Ich begann, den Baum um seinen Ungehorsam gegenüber der menschlichen Zeit zu beneiden.“

Denn Bäume haben ihre eigene Zeitrechnung, sie denken – im übertragenen Sinne – vieeeeel langsamer als wir Menschen. Sie haben keinen Stress mit der Steuererklärung oder den Mietzahlungen für die Wohnung, sie leiden nicht unter Liebeskummer und müssen sich keine Gedanken machen, ob ihr Outfit sie attraktiv wirken lässt oder nicht. Sie sind einfach Bäume.

Baum

Doch langweilig sind sie überhaupt nicht! Sumana Roy wandert in weit ausholenden Bögen durch die Themenwelt: denkt über die Verbindung zwischen Blumen und Frauen nach (in Indien sind Frauen sehr oft nach Blumen benannt), zeigt den Baum und sein Auftauchen in der Literatur, erzählt von wilden Männern im Wald und philosophiert über die Bedeutung eines Gartens. Und beschreibt Baumarten, die uns in Mitteleuropa weniger geläufig sind. Manchmal verzettelt sie sich dabei ein wenig; doch überzeugt sie die meiste Zeit mit ihrem besonderen Blick nicht nur für das Detail, sondern auch die Ecken unserer Welt, die sonst kaum bis gar nicht beachtet werden. Zum Beispiel die Welt der Schatten:

„Die Geschichte der Schatten ist eine der traurigsten Abwesenheiten in unseren Archiven. Hinter dem fehlenden Bemühen steckt auch die Weigerung, dem Vorübergehenden irgendeinen Wert beizumessen, die alte Gewohnheit, etwa das romantische ‚Auf immer und ewig‘ höher zu schätzen als eine ‚Affäre‘. Schatten sind Affären, kurzlebig und kurzsichtig.“

Was das Buch für mich so besonders macht, ist jedoch das tiefe Eintauchen in die indische Literaturgeschichte, von der wir in unserem Kulturkreis nur wenig wissen. Immer wieder kommt Roy auf die Texte von Rabindranath Tagore zurück, dem bengalischen Dichter, der 1913 als erster asiatischer Autor den Nobelpreis für Literatur erhielt; zwei seiner Lieder bilden noch heute die Nationalhymnen von Indien und Bangladesch.

Wie ich ein Baum wurde passt sich perfekt in das New Nature Writing ein, das vorwiegend im englischsprachigen Raum praktiziert wird und eine intensive, subjektive Begegnung mit der tierischen und pflanzlichen Welt beschreibt – und dabei trotzdem sozialkritische Züge aufweist. Bei Sumana Roy sind diese nicht durch die Blume beschrieben, sondern explizit genannt: Etwa wenn die Autorin ihren Mann zu einer Reise zum Bodhi-Baum überreden muss, unter dem Buddha der Legende nach seine Erleuchtung erlangt hat, weil eine Reise als einzelne Frau mit Gefahr verbunden ist. Gleiches gilt natürlich für Ausflüge in den Wald ohne Begleitung: Als indische Frau keine gute Idee.

„Sosehr ich ein Baum sein wollte, wie ein Baum leben wollte, war sexuelle Gewalt doch eines der unüberwindlichen Hindernisse, denen ich mich ausgesetzt sah: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Baum vom Blitz getroffen wurde, war weitaus geringer als die der Vergewaltigung einer Frau, die allein dort draußen in der Dunkelheit war.“

Ein beschämender Satz, der einen als mitteleuropäische Frau für einen Moment sprachlos zurücklässt und die Blase gemütlich–eskapistischer Naturbeschreibungen mit Wucht zerplatzen lässt.

Ob man Sumana Roy letztendlich als liebevolle, aber kauzige Frau liest, die in ihrer Freizeit gerne Bäume umarmt oder ihren Wunsch danach, eine Pflanze zu werden, als offene Gesellschaftskritik betrachtet: Wie ich ein Baum wurde bereichert nicht nur das Nature Writing generell, sondern auch jedes Bücherregal.

Sumana Roy, Judith Schalansky (Hg.)
Wie ich ein Baum wurde
Aus dem Englischen von Grete Osterwald
Mit Illustrationen von Pauline Altmann
Matthes & Seitz, 2020
Gebunden, 267 Seiten, 28 Euro