Im Labyrinth der Lichter

LabyrinthHereinspaziert! / Foto: Fräulein Julia

Auch in diesem Ausnahme-Sommer bespielt das Theater Anu wieder einen Teil des Tempelhofer Feldes – mit einem verwunschenen Lichterlabyrinth.

„Kommen Sie! Ja, kommen Sie näher!“ Auf einer bunt bemalten Jahrmarktbude sitzt eine in lilanes Licht getauchte Figur, die mit Bommelhut, Korsett und gebogenen Schuhen einem Harlekin ähnelt, sie hält einen Lampenschirm in der Hand und nimmt uns als Gruppe in Empfang. Wir befinden uns an der ersten Station der „Großen Reise“, einem wahren Lichterlabyrinth aus 3.500 flackernden Teelichtern, die das Theater Anu am Rande des Tempelhofer Felds für zwei Wochen aufgebaut hat.

Rehts oder links? Wir müssen uns entscheiden, welche Route wir an diesem Abend einschlagen, werden daran erinnert, nicht von dieser abzuweichen. Nur eine Corona-Maßnahme, um den erforderlichen Abstand zwischen den Menschen einhalten zu können? Tatsächlich stehen wir, die den „rechten Weg“ eingeschlagen haben, immer mal wieder vor kleinen Sackgassen oder werden umständlicher zum nächsten Halt geführt, als jene, die den linken Weg gewählt haben.

Labyrinth

Rechts oder links entlang? / Foto: Fräulein Julir A

Das stört aber nicht, im Gegenteil: Ich könnte stundenlang an diesem verwunschenen Ort verbringen und mich von den kurzen Erzählungen der Schauspieler*innen verzaubern lassen. „Könnt ihr mir den Weg zeigen in das Land, in dem die Menschen mit den Vögeln zusammenarbeiten?“ fragt ein Mann mit Hosenträgern und hält ein gemaltes Bild in die Höhe; „die Menschen helfen den Vögeln beim Ausbrüten des Nachwuchses und die Vögel revanchieren sich, indem sie den Zweibeinern das Fliegen beibringen“.

Dieses Land würde ich auch gerne einmal besuchen, denke ich und stimme da wohl mit der nächsten Schauspieler*in überein, die beharrlich immer und immer wieder auf eine Leiter klettert, weil sie den Traum vom Fliegen nicht loslassen will. Um Träume und Sehnsüchte geht es auch an den anderen Stationen, die wir auf unserer großen Reise durch das Lichtermeer besuchen. Sind es die Kerzen, die die Phantasie beflügeln oder der Mond, der an diesem Abend satt und fast vollständig rund tief über der weiten Fläche des ehemaligen Flugfeldes hängt? Als wir nach fast zwei Stunden um Mitternacht aus der Märchenwelt wieder auftauchen, weiß ich, dass ich in dieser Nacht bunte Träume haben werde.

Labyrinth

Menschen können nicht fliegen – oder doch? / Foto: Fräulein Julia

„Die Große Reise“ vom Theater Anu wird noch einmal vom 12. bis 15. August aufgeführt; jeweils ab 21.15 Uhr geht es im 15-Minuten-Takt los. Tickets gibt es aufgrund der großen Nachfrage leider nur noch an der Abendkasse.

Herzlichen Dank an das Theater Anu für die Einladung und die Möglichkeit, nach „Ovids Traum“ nun auch in das Lichtermeer einzutauchen!