In all den wunderbaren Jahren

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Hat sich Berlin in den letzten Jahren so sehr verändert – oder bin ich einfach erwachsen geworden?

Ich war gerade im zweiten Semester an der Universität Bonn als ich mich entschloss, für ein paar Monate nach Berlin zu gehen und dort zu arbeiten. Eine WG mit vier verrückten Jungs, deren Sofa ich bereits zuvor häufiger belegt hatte, beherbergte mich für die ersten Tage. Mit einem Koffer voller Klamotten und Büchern stieg ich in der ehemaligen Hauptstadt in den Zug Richtung aktueller Hauptstadt, bereit für ein Abenteuer, vielleicht auch mehrere. Bereits bei meinen Besuchen zuvor hatte mich die Stadt fasziniert: hier schien alles möglich.

Die Straßen pulsierten vor Kreativität und Lebenslust, ich begann mit dem Kaffee trinken und tanzte die Nächte durch in illegalen Clubs in den Kellern heruntergekommener Altbauhäuser, die kurze Zeit später Platz machen mussten für glitzernde Car-Lofts. Ich lernte einen Schauspieler kennen, der diesen Sommer ausschließlich barfuß laufen wollte und mich auch ohne Schuhe zu Lesungen begleitete. Während ich die Tage in einem kleinen Büro mit Blick auf den Wannsee verbrachte und Bücher rezensierte, gehörten die Nachtstunden dem gepflegten Exzess: Mehrere Abende in der Woche verbrachte ich in der „Astro Bar“ auf der mittlerweile zum Berliner Ballermann mutierten Simon-Dach-Straße in Friedrichshain und vertrank das Frei-Kontingent meines Mitbewohners, der dort täglich Cocktails mixte.

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Nach Ende seiner Schicht schnappten wir uns Wolldecken und schlichen in einem Haus am Boxhagener Platz auf den Dachboden, öffneten die Dachluke, kletterten die Leiter hoch und genossen die unschlagbare Aussicht über den Kiez und über die Stadt. Ein paar Kilometer weiter funkelte der Fernsehturm, während wir uns auf das Sofa kuschelten, das neben einer Fernsehantenne stand, und in den Sonnenaufgang blinzelten. Es war eine Zeit der kleinen, erreichbaren Träume, der wann-wenn-nicht-jetzt-Mentalität. Morgens um 5 Uhr Pizza backen? Aber ja, warum nicht? Wir saßen in der krümeligen Küche der Chaos-WG und schnippelten Tomaten: „An einem Morgen um halb fünf / sind wir hier in einem Raum / wir sehn‘ uns an / dabei reden wir kaum“ sangen 2raumwohnung – „Frühling 2007 / wir können alle andern sein“ – 2007, wie weit weg schien dieses Jahr, wir lebten im Hier und Jetzt!

„Minimal Techno? Nie wieder!“

Ich zog in ein eigenes WG-Zimmer, 25qm, knarrende Dielen, ein gluckernder Ofen, breite Flügeltüren, Doppelfenster und bröselnder Stuck, knapp 200 Euro im Monat. Kein Internet, kein Telefon, aber wer braucht das schon, dazu ein Mitbewohner, der mit Vorliebe in Unterhose durch die Wohnung schlurfte – die Diplomarbeit schien ihm die Kraft für das tägliche Anziehen genommen zu haben. Ich verliebte mich in einen Filmstudenten und verbrachte die Sommernächte mit Rotwein auf seinem Balkon, während sein Nachbar sich die Nase auf einem prunkvollen Barockspiegel blutig kokste und mir danach ungefragt seine Lebensgeschichte aufdrängte. „Minimal Techno? Nie wieder!“, schrieb ich damals in mein Tagebuch, welches ich „Berlin-Logbuch“ nannte und das mich noch heute zum Lachen bringt. Dann schon lieber Drum’n’Bass: Ich war sofort angefixt von diesem Sound, der sich in rhythmischen Klangwellen durch meinen Körper ergoss und meine Kopfhaut zittern ließ. Wie tanzt man eigentlich dazu? „Is‘ doch völlig egal!“, schrie mein Bekannter über die Musik hinweg und schüttelte wild mit seinen Dreadlocks; sein Tanzstil erinnerte ein wenig an karibische Voodoo-Zeremonien.

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„It was the best of times, it was the worst of times“, denke ich rückblickend, denn Geld war Fehlanzeige, man freute sich darüber, das eine große Portion Spaghetti zum Mitnehmen bereits für 2 Euro zu haben war und der nahe liegende Lidl so hübsch psychedelisch verpackte Köstlichkeiten bereithielt, die unser schmaler Geldbeutel finanzieren konnte. Wo sind diese Zeiten hin, frage ich mich gelegentlich; hat sich Berlin so sehr verändert – oder bin ich es, die anders geworden ist? Schon längst hat der Alltag geordnete Bahnen erzwungen, aus denen ein regelmäßiger Ausbruch nicht möglich ist, ein Mittagessen darf mittlerweile auch mehr als 2 Euro kosten. Ausufernde Nächte in Bars rächen sich mit überdimensionalen Augenringen und tagelanger Katerstimmung.

Und doch übt diese Stadt noch immer eine derartige Faszination auf mich aus, dass ich keine Minute bereut habe, mein Leben endgültig hierhin verlegt zu haben: Vergangenen Winter stand ich mit Freunden auf der Dachterrasse eines Hauses in Kreuzberg, welches 1983 besetzt wurde und nun Jubiläum feierte; es herrschten Minusgrade, doch an der knisternden Feuerschale war es warm. Ich goß mir ein weiteres Glas Rotwein ein, während ein paar Meter entfernt auf der Oranienstraße unzählige Polizisten auf einen krawalldurstigen schwarzen Block trafen: Steine flogen, Autos brannten und drinnen tanzten die ehemaligen Hausbesetzer wild und expressiv zu „Lambada“.

Und ich dachte: Berlin never ceases to amaze me.

Kategorie Allgemein

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