In die Pilze gehen

Pilze

Jan Christophersen lässt in „Ein anständiger Mensch“ gleich zwei Beziehungen zerbrechen – an einem Pilzgericht.

Es klingt doch eigentlich nach einer schönen Idee: Steen Friis und Frauke, seine Frau, laden ein befreundetes Paar zu einem gemeinsamen Wochenende in ihrem Landhaus auf einer kleinen dänischen Insel ein. Ein paar Flaschen Rotwein und gutes Essen, nette Gespräch und Spaziergänge durch die Natur sind geplant. Um den Teil mit dem guten Essen anzugehen, sammeln die vier Pilze im Wald. Steen kennt sich gut damit aus, heißt es, schließlich hat er hier einen Großteil seiner Kindheit verbracht. Doch im Wald ändern sich auf einmal die Vorzeichen ihrer Viererkonstruktion, als Frauke sagt:

„Gero“, sagte sie, und mehr müsste sie eigentlich nicht sagen. Dennoch fährt sie fort: „An diesem Wochenende könnte sich da was ergeben. Könnte. Ich weiß nicht, ob es passiert. Aber ich würde schon gerne. Verstehst du? […] Wir haben ja immer gesagt, dass das erlaubt sein muss. Damals. Du erinnerst dich doch?“

Klar, Steen erinnert sich – hatte aber bisher gedacht, dass aus der Theorie niemals Praxis werden könnte. Und es gefällt ihm auch überhaupt nicht: Die Vorstellung, dass seine Frau mit einem anderen Mann schläft, noch dazu mit dem neuen Freund seiner langjährigen Kollegin Ute. Als er dann auch noch damit konfrontiert wird, dass ein Journalist einen essayistischen Abgesang auf Steens Werk – er ist der bekannte Autor zahlreicher Werke über die Themen Anstand und Moral – in der Zeitung verfasst hat, läuft er innerlich völlig aus dem Ruder. Und vergisst, die Pilze auf ihre Essbarkeit zu prüfen. Mit fatalen Folgen, die unumkehrbar sind.

Aber wer hat in diesem Kammerspiel in der dänischen Idylle eigentlich die Deutungshoheit? Die Ereignisse sind rückblickend aus der Perspektive von Steen Friis erzählt, der mit einem deutlichen Hang zur Melodramatik formuliert:

„Mir blieb letztlich nur die Hoffnung, in Fraukes neuem Leben, das sie anscheinend gerade zu entwerfen begann, weiterhin eine einigermaßen tragende Rolle zu spielen“

Also bitte, Steen, möchte man der Figur zurufen, du übertreibst! Denn zwischen Frauke und ihm, das merkt man als Leser schnell, herrscht eigentlich Harmonie aufgrund einer ausgeglichenen Mischung aus Freiheit und Intimität. Ob das wirklich zusammenfiele, wenn Frauke mit Gero schlafen würde? Stehen Steen da womöglich seine durch seine Bücher festgefahrenen Überzeugungen von Anstand und Moral im Wege? Ist er wirklich der Schuldige in diesem Drama?

Pilze

Fest steht also, dass wir es hier mit einem höchst unzuverlässigen Erzähler zu tun haben, der sich in weinerlichem Ton Selbstvorwürfe macht. Als Steen und seine Frau einige Zeit später von einem Magazin zu dem Vorfall interviewt werden, erzählt Frauke die Dinge ganz anders:

„In ihrer Version kamen keine Flirts oder Hahnenkämpfe vor, keine Eifersüchteleien oder wahlverwandschaftliche Irritationen. Bloß Friedefreudeeicherkuchen. (So ungefähr würde es dann später auch im Magazin zu lesen sein: Wenn Frau Friis von dem Tag erzählt, bekommt man gleich Lust, etwas Ähnliches für sich und ein paar Freunde zu planen.)

Als Leser*in bemerkt man diese perspektivische Einseitgkeit – oder liegt das an mir? – recht spät, dann aber mit voller Wucht: War es wirklich so? Wem kann man überhaupt glauben? Ist Steen Friis wirklich so ein anständiger Mensch, wie es der Titel suggeriert?

Jan Christophersen hat ein Kammerspiel in zwei Akten entworfen, das harmlos beginnt, eine höchst unangenehme Wendung nimmt und dabei so „filmisch“ formuliert ist, dass man die Szenen vor Augen sieht, als stünde man selbst mitten im dänischen Wald. In die Pilze gehen möchte man danach aber trotzdem erstmal nicht.

Jan Christophersen
Ein anständiger Mensch
mare Verlag, 2019
Gebunden, 352 Seiten, 24,- Euro

Foto: Andrew Ridley