In fernen Galaxien: „Planet Magnon“

Planet

In seinem neuen Roman „Planet Magnon“ entwirft Leif Randt die Utopie eines weit entfernten und bewohnten Sonnensystems – durch das plötzlich ein breiter Riss geht. 

Aus dem stillen jungen Mann, mit dem ich vor zehn Jahren ein Sommerpraktikum mit Blick auf den Wannsee absolvierte, ist ein gefeierter Autor geworden. Gefeiert, ein bisschen, auch von mir: Sein Debütroman Leuchtspielhaus hat mich ebenso fasziniert wie sein zweites Buch Schimmernder Dunst über CobyCounty. Nun legt Leif Randt nach.

Planet Magnon heißt sein neuester Streich, der in einem mit schwarzem Leinen bezogenen Hardcover daherkommt, auf den ein Kreis aus kupferfarbener Spiegelfolie aufgeklebt ist. Kupfer, das kann man auf diversen Interior- und Modeblogs nachlesen, war im letzten Herbst DIE Trendfarbe schlechthin und passt insofern besonders gut als Leitfarbe in den Roman: Randts Texte wirken immer ein bisschen wie ein aufgeschriebener Hipster-Kodex, ausgewählt kuratiert von der Inneneinrichtung über die Getränke bis hin zu der Farbe der Socken, die die Protagonisten tragen – Farben wie besagtes Kupfer, aber auch Minze und Türkis spielen immer wieder eine ausschlaggebende Rolle bezogen auf die Ausstaffierung der Geschichte.

9783462047202Und worum geht es? Wir schreiben das Jahr 48 n. AS – nach „Actual Sanity“ – wir befinden uns in einer fernen Galaxie, die aus den Planeten Sega, Cromit, Blinkt, Snoop, Blossom und Toadstool besteht – letzterer ein reiner Müllplanet, auf dem man lieber nicht leben möchte. Die Menschheit – und es handelt sich um ganz normale Menschen – ist in Kollektiven zusammengefasst, die das Leben des Einzelnen bis in die kleinste Faser bestimmen.

Zu ihnen gehört auch Marten Eliot, der Erzähler, er ist ein „Dolfin“: Dieses auf dem Planeten Blossom beheimatete Kollektiv zeichnet sich durch eine wortkarge Sachlichkeit und die besondere Attraktivität ihrer Mitglieder aus. Situationen werden möglichst objektiv betrachtet, Emotionen bis zu ihrem Kern analysiert und so abgeschwächt, Schamgefühl wird mittels „PostPragmaticJoy“ produktiv umgewandelt und zur Begrüßung berührt man den anderen unverbindlich am rechten Oberarm. Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt? Nicht bei den Dolfins! Für den gelegentlichen Exzess experimentiert man mit der Flüssigkeit „Magnon“, die „eine Mischung aus enormer Objektivität und großer Emotion“ auslöst.

Während Marten Eliot und seine Mit-Kollektivistin Emma von Planet zu Planet reisen, um in Vorträgen Nachwuchs-Dolfins zu aquirieren, häufen sich mysteriöse Anschläge: Vorwiegend an stark bevölkerten Plätzen steigt plötzlich minzefarbener Rauch auf, der einem den Atem nimmt; während einer offiziellen Veranstaltung der Dolfins laufen die Emotionen auf einmal aus dem Ruder, weil die Bowle mit einer fremden Substanz versetzt wurde:

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„Ich war meiner Laune schutzlos ausgeliefert. Ich nahm sie vollkommen ernst. Es war grässlich.“
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Eine Horrorsituation für Marten Eliot, der sich keine emotionalen Ausrutscher zugesteht. Nach und nach stellt sich heraus, dass dahinter eine Gruppe steckt, die sich selbst als „Kollektiv gebrochener Herzen“ bezeichnet: In ihm sammeln sich alle Menschen, die erkannt haben, dass sie ihr Glück nicht finden werden – zumindest nicht in den nüchternen Strukturen anderer Kollektive, die Affären zwischen Männern und Frauen zwar dulden, intensive Zweierbeziehungen aber ablehnen. Angeführt wird das Kollektiv der Enttäuschten von einem geheimnisvollen „Mädchen mit der Tigermaske“ – und das soll Marten Eliot ausfindig machen. Was wollen die Attentäter erreichen?

Das klingt alles ziemlich dicht, oder? Stimmt: Wer sich auf diesen Roman einlässt, wird unweigerlich in diese fremde Galaxie reingesogen, in der das höchste der Gefühle ein frisches Mineralwasser ist, Shorts und Tennissocken Gang und Gäbe sind und Drogenkonsum Schritt für Schritt nachanalysiert wird. Das Gehirn muss bei der Lektüre auf jeden Fall ein paar neue Synapsen bilden, damit man sich diese ferne Welt in ihrer ungewöhnlichen Komplexität überhaupt vorstellen kann, doch der messerscharfe und punktgenaue Erzählstil von Leif Randt macht das sehr gut möglich. Ein Buch zum Abtauchen!

Leif Randt: Planet Magnon. Kiepenheuer & Witsch, 2015. Gebunden, 304 Seiten, 19,99€. ISBN: 978-3-462-04720-2

Bild oben: Photo by Zoltan Tasi on Unsplash