Je tiefer das Wasser

Ihr sucht eine Familiengeschichte, die euch so richtig tief in den Bann zieht? Bitteschön: „Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina!

Wenn ich jetzt schreibe: Dieser Roman zieht sich beim Lesen wie eine Schlinge um den Hals, dann wirkt dieses Sprachbild passend und unpassend zugleich. Denn „Je tiefer das Wasser“ handelt von den beiden Teenager-Schwestern Mae und Edith, ihrem Vater Dennis und ihrer Mutter Marianne – und letzte hatte sich kurz vor Beginn der Geschichte versucht, das Leben zu nehmen, in dem sie sich in der Küche an einem Seil aufknüpfte. Die schorfigen Wunden am Hals sind noch monatelang zu sehen, denn der Selbstmordversuch scheiterte, weil Edith ihre Mutter rechtzeitig fand.

Marianne kommt in eine psychiatrische Klinik und die beiden Mädchen nach New York zu ihrem Vater, einem Mann, der den Großteil ihres Lebens durch Abwesenheit glänzte. Und so fällt es den Dreien selbstredend nicht leicht, sich aneinander zu gewöhnen; von Alltag ist sowieso erstmal keine Rede. Während die sechzehnjährige Edith unbedingt zurück nach Lousiana möchte, um sich um ihre Mutter zu kümmern, sieht sich die zwei Jahre jüngere Mae endlich befreit: Sie hatte jahrelang unter der symbiotischen Beziehung zu Marianne und dem Fehlen eines Vaters gelitten.

Mae

Doch hinter der immer stärker werdenden Zuneigung zwischen Mae und ihrem Vater verbirgt sich ein dunkles Geheimnis. So wie Dennis Marianne, die er mit zarten siebzehn Jahren geheiratet hatte, zur erkennbaren Hauptfigur seiner Bestseller-Romane gemacht hatte, benutzt er nun auch seine Tochter: Als kreative Muse, die – mit ihre langen schwarzen Haaren sieht sie ihrer Mutter sehr ähnlich – in die Rolle seiner Kindfrau schlüpfen soll. Und ist das nicht ein leichter Weg für Mae, um die Liebe ihres Vaters ganz für sich zu haben? Aber wo liegt die Grenze zwischen Spiel und Realität?

„In jenem Frühling war Dad das Einzige, was für mich zählte. Ich wollte ihm nur gefallen. Ich wollte ständig seine Aufmerksamkeit. Wenn seine Gedanken bei Mom waren – und das waren sie oft –, dann wurde ich eben Marianne.“

Je tiefer das Wasser ist ein erstaunlich einnehmendes Debüt der in Moskau geborenen Autorin: Wie sie die toxischen Verbindungen zwischen den vier Familienmitgliedern, die von elterlichem Machtmissbrauch, emotionaler Manipulation und inszestuösen Anklängen geprägt sind, beschreibt, ist schlichtweg beeindruckend.

Sie lässt nicht nur die Betroffenen selbst, sondern allerlei „Zeitzeugen“ – Verwandte, Freunde, Nachbarn – zu Wort kommen und fächert das Drama außerdem auf zwei Zeitebenen – 1997 und rückblickend aus der Gegenwart – auf; dadurch entsteht eine Atmosphäre, die einem zunehmend die Luft abschnürt. Man ahnt: das kann nicht lange gut gehen. Geht es auch nicht. Ein beklemmender und verstörender Roman mit unglaublicher Sogkraft!

Katya Apekina
Je tiefer das Wasser
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Suhrkamp Verlag, 2020
Gebunden, 396 Seiten, 24 Euro

Foto oben: Kat Love