Jugend in der DDR: „Schöne Seelen und Komplizen“

DDRPotsdam, Januar 1990 / Wikimedia Commons / Felix O

Wie sehr prägt es einen, wenn in den entscheidenden Jahren der Entwicklung etwas revolutionäres passiert? Julia Schoch nähert sich der Jugend in der DDR.

„Wir könnten doch später alles auf heute schieben, ich meine, alles Schlechte. Keine Ahnung, wenn wir unglücklich sind oder unzufrieden, wenn wir scheitern sollten, wenn wir die Welt hassen oder einfach nur uns selbst, alles, was uns später nicht gelingt, das ganze öde Leben, das uns erwartet, wir schieben es einfach auf jetzt, auf das, was gerade abläuft um uns herum. Dann ist es wenigstens zu etwas nütze.“

Vivien ist eine von den Schülern und Schülerinnen, die 1989 ein Elite-Gymnasium in Potsdam besuchen. Sie und ihre Klassenkameraden, darunter Alexander, Lydia, Martin, Franziska, Bodo und wie sie alle heißen, befinden sich an einem Wendepunkt der Geschichte: Die Demonstrationen in der DDR werden lauter, brutaler, unerbittlicher, immer mehr Menschen aus dem Umfeld reisen aus oder fliehen über die grüne Grenze. Auf dem Potsdamer Gymnasium geht es derweil aber nur am Rande anders zu, als bei Schülern in anderen politischen Systemen: Wer hat mich wem geknutscht oder geschlafen, wer würde gerne mit wem, wie verbringt man seine Freizeit und wird nicht am Ende doch der sozialistische Frieden siegen?

Dann die große Zäsur: Die Mauer fällt, die Grenzen sind offen und mit ihnen auf einmal alle Möglichkeiten zur Zukunftsgestaltung. Und was macht man mit diesen ganzen Möglichkeiten? Julia Schoch begleitet in ihrem Roman die Jugendlichen in den Jahren 1989-1992, wo sie mit dem Abitur in der Tasche die Schule verlassen – und springt dann über mehrere Jahre in die Gegenwart. Und die, das wird schnell deutlich, kann ihre Vergangenheit einfach nicht abschütteln.

„Meine Zeit langweilt mich. Ich hätte gern richtige Feinde. Eine Welt ohne ernsthafte Gefechte ist sinnlos“

konstatiert Ruppert Klose. Ruppert, der sich schon zu Schulzeiten mit seiner Aufsässigkeit keine Freunde unter den Lehrern gemacht hatte, vor allem nicht zum sichtbar nahenden „Ende“ der DDR hin. Aber wogegen soll man heutzutage noch kämpfen, wofür würde es sich überhaupt lohnen, zu kämpfen? Eine ähnlich deprimierende Grundhaltung lässt sich auch bei den anderen Alumni des Elite-Gymnasiums feststellen. Allesamt – bis auf Ausnahmen, die wie Ausreißer wirken – sind sie verheiratet und haben Kinder, doch wirkt es in vielen Fällen so, als sei das nur geschehen, weil man das nunmal so macht. Resignation, Kapitulation, Depression allerorten und immer wieder der Blick in die Vergangenheit: Hätte ich doch, wäre ich doch damals, ach wenn bloß…

Doch Julia Schoch lässt ihre zahlreichen Figuren auflaufen. In nüchternen Worten erzählen die Protagonisten ihre eigene Geschichte, machen deutlich wie sie sich in ihre Erinnerungen verstricken und darum ringen, ihrer Vergangenheit einen Sinn zu geben:

„Wozu hat es deiner Meinung nach geführt, dein Politischsein, fuhr ich in lautstarkem Ton fort, wo spielt es eine Rolle, hier, in unserem Leben, in deinem?“

Es scheint, als sei ihr damaliger Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung noch immer nicht erfüllt und könne auch niemals seine Erfüllung finden. In ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens gleichen sich die (gelegentlich verwirrend zahlreichen) Charaktere, als hätte man sie wie in einer Schablone übereinandergelegt und das ist dann auch schon das einzige, was es an Julia Schochs Roman auszusetzen gibt: Durch das bis 1989 herrschende System wurde den Menschen ein Kollektiv aufgedrückt, dass Individualität ablehnte und auch in diesem Roman zu einer Ähnlichkeit der Protagonisten führt, die zu einem womöglich eher unbeabsichtigten literarischen Verwirrspiel führt. Der Lektüre von Schöne Seelen und Komplizen tut das aber, lässt man sich auf dieses Spiel ein, keinen Abbruch.

Julia Schoch
Schöne Seelen und Komplizen
Piper Verlag, 2018
Hardcover, 320 Seiten, 20,-€
ISBN 978-3-492-05773-8

2 Kommentare

  1. Die Konstruktion, das Verwirrspiel der vielen Figuren war für mich das einzig Interessante am Roman. Weder inhaltlich noch sprachlich hat Schoch mich erreicht. Ich war eher gelangweilt und habe nach der Hälfte abgebrochen.

    • Fräulein Julia

      oh, echt? Also dieses Verwirrspiel mit den Figuren war widerum etwas, was mich ziemlich genervt hat, ich hab irgendwann einfach nicht mehr auf die Namen geachtet…

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