Keiner weiß mehr (alles)

Peltzer© Yann Forget / Wikimedia Commons / CC-BY-SA

Älterer Mann verarbeitet literarisch seine wilde Jugend in Westberlin? Im Falle von Ulrich Peltzers Roman „Das bist du“ entsteht daraus ein regelrechter Sog.

Politiker, Schauspieler oder Musiker (ich wähle bewusst die männliche Form, auch wenn das natürlich für Frauen ebenso gilt) schreiben ihre Autobiographie, wenn sie die Welt an ihrer Lebensgeschichte teilhaben wollen. Aber wie machen das Schriftsteller? Sie greifen konsequenterweise zu der Form, die ihnen am bekanntesten ist: Den Roman, in dem sich dann ein „So-erinnere-ich-mich-aus-mehreren-Jahrzehnten-Entfernung-daran“ mit einem „So-wird-es-wahrscheinlich-gewesen-sein“ vermischt. Realität meets Fiktion, zur Sicherheit also besser „Roman“ auf den Deckel setzen.

Vor zweieinhalb Jahren schrieb ich über das damals verstärkt auf dem Buchmarkt auftauchende Phänomen des alternden Romanciers, der seine Jugend – bisweilen verklärt bis verkitscht – literarisch Revue passieren lässt, vielleicht dadurch sogar aufarbeitet. Hilmar Klute war (ohne Kitsch) darunter, mit seinem biographisch geprägten Was dann nachher so schön fliegt; er nahm uns mit in das Westberlin der 1980er Jahre, in diese Stadt, die von einer harten Grenze umgeben war und gleichzeitig keine Grenzen kannte.

Dieses Setting hat auch Ulrich Peltzer gewählt für seine neue Publikation, die da unter dem Titel Das bist du vor kurzem im S. Fischer Verlag erschienen ist. Das Peltzer hier ziemlich sicher ebenfalls aus eigener Erfahrung spricht, ist leicht zu recherchieren: Seit 1975 lebt der in Krefeld geborene Autor in der Stadt, studierte ebenso wie der Erzähler im Buch Psychologie auf Diplom. Doch darf man – oder sollte man, um dem Roman gerecht zu werden – die Geschichte nicht als platte Rekapitulation persönlicher Erinnerungen lesen: Vielmehr hat Peltzer eine Art Sittengemälde der 1980er Jahre in Westberlin erschaffen, das auch ohne biographische Parallelen funktioniert – und noch dazu einen eigenwilligen sprachlichen Sound entwickelt, der das Lesen zu einem rauschhaften Sog macht.

Aber von vorn. Worum geht es überhaupt? Es ist 1982 oder 83, so genau weiß man es nicht und es ist auch nicht wichtig: Die männliche Erzählstimme wohnt seit einigen Jahren in Westberlin, Einzimmerwohnung mit Kohleofen und Dielen, die Stadt ist grau und noch vom Krieg geprägt. Das Studium, das noch weit entfernt von „Credit Points“ und Bacheloretten entfernt ist, dümpelt vor sich hin; er arbeitet an der Kasse eines kleinen Off-Kinos und zieht nach Feierabend durch die Bars und Discos der Stadt:

„Es trieb mich raus, Entscheidendes könnte verpasst werden. Ohne mir die Frage zu beantworten, was das wäre, genauer gesagt, was ich eigentlich wollte. Eigentlich und nicht als Teil von irgendwas. Aber dazu hätte ich mir die Frage ernsthaft stellen müssen, doch wer tut, wer tat das schon?“

Man beschäftigt sich mit kritischer Theorie, liest Henry Miller, Anais Nin, hört David Bowie, entwickelt und schärft die eigenen moralischen und ethischen Standards an Literatur und Kinofilmen; man diskutiert und streitet, lacht und liebt. Und dann ist da eines Abends im Dschungel, der legendären Bar in Schöneberg, Leonore. Sie sitzt am Tisch und liest aus Rom, Blicke von Rolf Dieter Brinkmann, damit hat sie den Erzähler gleich am Haken. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte, wie man sie wohl nur Anfang, Mitte Zwanzig erlebt: Wie bist du, wie bin ich, das bin ich, das bist du – können wir das gemeinsam machen? Sie können nicht, wie wir als Leser*innen früh erfahren, denn der Erzähler schreibt erinnernd aus unserer Gegenwart, aber das nimmt der Geschichte keineswegs den Reiz.

„Es ist nicht nur die Zeit, die uns trennt. Mich von mir selber. Von jemandem, dem ich meinen Namen gebe, wenn ich ihn auf älteren Fotografien erblicke. Als sei man immer ein anderer. Immer schon gewesen.“

Diese „Schwammphase“ während des Studiums, in der man sich für so erwachsen hält, dabei noch wie ein unbeschriebenes Blatt durch die Welt läuft, Eindrücke und Erfahrungen auf einen einprasseln – diese Phase weiß Peltzer so kunstvoll in Worte zu gießen, dass man sich wehmütig bis schmerzhaft in die eigene Aufbruchsphase zurückversetzt fühlt. Wie war es damals, als man sich so leicht verliebte, naiv von einer Geschichte in die nächste stolperte, uns gehört das Jetzt und alles andere ist nicht wichtig? Wäre sein Leben anders verlaufen, wenn er an einem Punkt anders entschieden hätte? Hätte, wäre, könnte.

Peltzer

Wie ein Rausch lesen sich die collagenhaften Absätze, diese „jump cuts“ aus Gedankengängen, popkulturellen Zitaten und in der Luft hängenden Dialogfetzen, eingebunden in längere, gemächlich fließendere Erzählpassagen. Das Vorbild Brinkmann, der in seinem einzigen Roman Keiner weiß mehr ähnlich durch seine Gedankenwelt mäandert und dessen Sätze sich teilweise über mehrere Seiten ziehen, ist gut erkennbar. Und doch schafft Peltzer etwas eigenes, kopiert nicht. Er beschreibt das Außen, das matschige Berlin mit seinen Trödlern und Sexkinos und Brandwänden und von Unkraut verwuchernden Brachen – doch er widmet sich noch stärker der schonungslosen und bisweilen sehr schmerzhaften Innenschau seines Protagonisten, der auf der Suche ist. Nach was, weiß er im Übrigen selbst nicht.

Das bist du ist kein leicht konsumierbarer Roman; es braucht den Willen, sich auf den eigenwilligen Sound einzulassen, sich fallenzulassen. Wer das tut, kommt in den Genuss eines der besten Berlin-Romane seit langem.

Ulrich Peltzer
Das bist du
S. Fischer, 2021
Gebunden, 288 Seiten, 22 Euro