Kiezgeschichten: „Skandinavisches Viertel“ von Torsten Schulz

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Mit „Skandinavisches Viertel“ hat Torsten Schulz einen heimelig-urigen Roman über einen Kiez in Prenzlauer Berg geschrieben. Doch leider kommt er über Nostalgie und Klischees nicht hinaus.

Als ich 2005 das erste Mal nach Berlin zog, wohnte ich im Viertel am Boxhagener Platz in Friedrichshain, den Thorsten Schulz ein Jahr zuvor in seinem äußerst humorvollen Buch Boxhagener Platz verewigt hatte. 2010 zog ich zum zweiten Mal in die große Stadt und beschloss, zu bleiben.

Mehr aus Zufall wurde es diesmal Prenzlauer Berg, das Epizentrum des Bionade-Biedermeiers, wie ich gewarnt wurde. Meinen ersten Job fand ich in einem Kreativbüro im Norden des Stadtteils, in der Kopenhagener Straße – also mitten im Skandinavischen Viertel. Selbst 2010 wehte hier noch ein leiser Hauch des Verfalls, standen etliche Altbauten wie unsanierte Mahnmale auf den Kopfsteinpflasterstraßen, roch es nach Kohleofen, schepperte die Ringbahn über die tief liegende Gleise, die direkt an die Kopenhagener Straße grenzen.

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Zwei Häuser weiter trank ich in meinen Pausen starken Kaffee in der Kohlenquelle (das Haus wiederum hat Holger Siemann in seinem ziemlich dicken Roman Weiszeithaus verewigt). Für ein Projekt hatte ich die Aufgabe, Passanten im Kiez danach zu fragen, was sie sich von ihrem ersten Westgeld gekauft haben – wir fanden die Geschichten im Park und vor der urigen Eckkneipe in dem Haus, das auf dem Cover von Torsten Schulz zu sehen ist. So stark sich das Viertel auch in den vergangenen Jahren, in denen ich es kenne, verändert hat – es ist wahrscheinlich nichts gegen die Umbrüche, die seit der politischen Wende hier vonstatten gegangen sind. Unter anderem davon handelt der Roman Skandinavisches Viertel.

Ähnlich wie der literarische Vorgänger spielt auch dieses Buch zu DDR-Zeiten, diesmal ca. in den 1970ern und auf einer zweiten Zeitebene in der Gegenwart. Matthias Weber arbeitet als Makler im Skandinavischen Viertel, er vermietet und verkauft sogar nur dort Wohnungen, was ein klassisches Alleinstellungsmerkmal ist. Und er tut dies aus bestimmten Gründen:

 „Er will nicht unterstützen, was er die Madenmentalität nennt. Zumindest will er niemand in seinem Viertel haben, der ganz ohne eigene Leistung zu Eigentum gekommen ist, und sei dieses Eigentum auch noch so klein und dunkel und muffig.“

skandinavischesMatthias wählt also sorgsam aus, wen er in seine Wohnungen einziehen lässt – am liebsten sind im Menschen, die ebenfalls aus dem Osten stammen. Das Viertel soll „rein“ gehalten werden von dem massenhaften Zuzug neureicher Westler (Spoiler aus der Realität: hat nicht geklappt). Diese leicht angedeutete ABV-Mentalität (ABV bedeutete „Abschnittsbevollmächtigter“ in der DDR und bezeichnete einen Polizisten, der die Vorgänge im Viertel regelte und beobachtete) zieht sich durch den ganzen Roman. Dabei ist die Hauptfigur gar nicht im Skandinavischen Viertel aufgewachsen, sondern ein paar Ecken weiter in Pankow. Doch seine Großeltern Lisbeth und Paul samt ihrem erwachsenen Sohn Winfried, dem Kiezbekannten Suffkopp, waren dort heimisch.

In seiner Kindheit in den 70er Jahren streift der junge Matthias regelmäßig durch die Straßen, wandert durch Malmöer, Korsörer, Ystader, Kopenhagener und Dänenstraße, immer am Rande „seiner Welt“ entlang: Ein Teil des Skandinavischen Viertels war Sperrgebiet, hier kam man nur mit gültigem Passierschein hinein, denn wenige Meter später begann die streng bewachte Grenze. Matthias macht sich einen Spaß daraus, die Grenzer zu ärgern, begleitet seinen Onkel Winfried auf seiner Sauf-Tour durch die dunklen Spelunken und träumt davon, das gesamte Viertel mit skandinavischen Namen zu versehen. Denn Helsinki, Malmö, Kopenhagen – diese Städte sind für ihn unerreichbar und er kann sich auch nicht vorstellen, je dort hinzukommen. Mit seinem kindlichen Blick beobachtet er die Ereignisse um ihn herum und kommt dabei seinen Verwandten auf die Schliche: Verheimlichen sie ihm etwas, belügen ihn gar? Welche Rolle spielt der Verrat in der Familie Weber? Manche nehmen ihr Geheimnis mit ins Grab.

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Mit Skandinavisches Viertel hat Torsten Schulz einen Roman über einen Berliner Kiez geschrieben, der in dieser heimelig-urigen Form heute nicht mehr existiert. Erstaunlicherweise jedoch wirkt das Viertel in der Nähe der Schönhauser Allee in diesem Text wie eine Schablone, die man gut und gerne austauschen könnte – zum Beispiel durch den Kiez rund um den Boxhagener Platz. Zwar werden immer wieder diverse skandinavische Straßennamen sowie längst nicht mehr existierende Eckkneipen erwähnt, doch bleibt die Frage offen: Was hat dieses Viertel früher ausgemacht? Warum trifft es Matthias so hart, dass sich die Bewohnerstruktur nach dem Fall der Mauer veränderte und erweiterte – war er nicht selbst der größte Befürworter von mehr Internationalität im Kiez?

Und wie lässt es sich erklären, dass die Hauptfigur – der die Wohnung seiner Großeltern von der Maklerin regelrecht zu Füßen gelegt wurde – sich, wie er an einer Stelle sagt, in einem „Kampf“ befindet, den es mit den „Zugezogenen“ auszufechten gilt?

„Osten hält zusammen, das ist Ehrenkodex“

Thorsten Schulz zeichnet in seinem Roman einen Protagonisten, der in seinem jämmerlichen Selbstmitleid ziemlich anstrengend daherkommt. Glück mit Frauen hatte er nie und so gelingt es ihm auch mit fünfzig Jahren nicht, sich eine stabile Beziehung aufzubauen – zu sehr hängt er noch in der Vergangenheit und seiner Familiengeschichte fest, zu sehr sieht er sich als Wohltäter in der Gentrifizierungsdebatte.

skandinavischesAm liebsten wäre ihm, es hätte sich nie etwas geändert, würden die Kohleöfen noch ihren schwarzen Rauch auspusten, die Oma nach Pulmotin und Mottenkugeln riechen und würde man nachts die bellenden Hunde an der in Flutlicht stehenden Grenze hören. Das wäre auf jeden Fall besser als die ganzen Zugezogenen, die das Lebensgefühl im Kiez verwässern und sich keinen Deut um die Geschichte kümmern, ist Matthias überzeugt.

Und damit berührt der Autor einen wunden Punkt in der Diskussion um „die Mauer in den Köpfen“: Wieso unterteilen wir eigentlich auch knapp dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer in „Ossi“ und „Wessi“, warum dieses anhaltende gegenseitige Misstrauen, diese ganzen Vorurteile? Doch diese Fragen, das wird beim Lesen deutlich, werden nicht beantwortet, dafür ist die Hauptfigur viel zu sehr in ihrem Selbstmitleid gefangen. Und so dümpelt der Roman leider durchgehend auf den seichten Gewässern der Nostalgie vor sich hin, bis am Ende alle am Ende sind.

Das Skandinavische Viertel im Norden von Prenzlauer Berg gehört heute übrigens zu den beliebtesten und teuersten Gegenden des Stadtteils.

Torsten Schulz
Skandinavisches Viertel
Klett-Cotta, 2018
Gebunden, 265 Seiten, 20,-€
ISBN: 978-3-608-98137-7

 

 

 

2 Kommentare

  1. Die Unterteilung in Ossis und Wessis auch dreissig Jahre nach dem Mauerfall, hallte ich für normal. Es sind verschiedene Welten, verschiedene Sozialisationen u.s. w. Das wird eine Generation brauchen. Ich mochte den Prenzlauer Berg früher auch lieber:). Dein Beitrag hat neugierig gemacht. Ich werde das Buch auf meine Liste setzen.

    • Fräulein Julia

      Echt, du findest es normal, noch „Ossi“ und „Wessi“ zu sagen? Ich nicht. Ich bin eine Generation weiter, sozusagen, und unterteile nicht mehr. Klar, es gibt auch bei meinen Altersgenossen noch eine deutlich andere Sozialisation, die man bis heute bemerkt. Aber sich deswegen zu bekämpfen – und das passiert gerade hier in Berlin immer wieder – finde ich Quatsch. Viel Spaß mit dem Buch 🙂

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