„Augenblicke: Gesichter einer Reise“

Augenblicke

Die Filmemacherin Agnès Varda und der Künstler JR begeben sich gemeinsam auf eine Reise zu den Menschen ihres Heimatlandes Frankreich. Ein poetischer Film über Sehen und Gesehen werden.

JR, ein französischer Künstler Mitte 30, ist bekannt für seine überlebensgroßen Fotografien, die auf Papier ausgedruckt und angebracht auf Häuserwänden, Zügen und Industriebauten alle Blicke auf sich ziehen. Alle Blicke hat auch Agnes Varda viele Jahre auf sich gezogen: Sie war seit den 1950er Jahren als Filmemacherin aktiv und drehte unter anderem mit Jean-Luc Godard. Für eine außergewöhnliche Reise haben sich die Beiden zusammengetan: Mit dem Fotomobil von JR fahren sie kreuz und quer durch Frankreich und bitten Menschen vor die Linse, um sie im Anschluss als mehrere Meter hohes, papierenes Monument zur Geltung zu bringen.

Warum dieser Film? Im Verlauf dieser Dokumentation nennen die Beiden – die ein ziemlich ungleiches, aber vor allem im Humor gut miteinander funktionierendes Team á la Oma und Enkel abgeben – ein paar Gründe: „JR und ich nehmen uns die Freiheit, uns die Dinge vorzustellen und sie dann mithilfe von Menschen umzusetzen“, sagt Agnes an einer Stelle.

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Tierisches Augenmerk: Auch eine Ziege mit Hörnern zählt zu Vardas und JRs Fotosujets. ©Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Doch dahinter steckt noch mehr: Sie besuchen die letzte Bewohnerin einer ehemaligen Bergbau-Siedlung, die abgerissen werden soll und widmen den längst verstorbenen Arbeitern eine Fotowand. Sie portraitieren einen Landstreicher, sie setzen drei Ehefrauen von Hafenarbeitern in Le Havre in Szene – sie geben denen eine Stimme bzw. ein Bild, die sonst selten bis gar nicht gesehen werden.

Für Agnes ist es außerdem eine Möglichkeit, zurückzuschauen: Jahrelang sah man ihre Filme über die Leinwand flimmern, sie wurden von tausenden gesehen – aber wer sind diese Menschen? Auch sie hat eine kleine Kamera dabei, mit der sie die Ereignisse und Begegnungen auf ihrer Reise dokumentiert. Mit ihren WIEVIEL Jahren ist sie sicher: Dies wird ihre letzte große Fahrt sein.

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Mit Spaß bei der Sache: JR und Agnès Varda vor einer Collage mit früheren Minenarbeitern in Bruay-la-Buissière.
©Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Auch in Berlin ist JR kein Unbekannter: Vor ungefähr drei Jahren klebte er an mehrere Hauswände (u.a. auf der Prenzlauer Alle und der Invalidenstraße) große Gesichter oder Hände an den Beton – manche davon sind bis heute fast vollständig zu sehen. Sein Ansatz, auch weniger beachteten Menschen Aufmerksamkeit zu schenken, funktioniert besonders in einer Großstadt sehr gut. Doch auf auf den kleinen Dörfern im Süden und Norden Frankreichs finden die Beiden ausreichend Menschen, die nur zu gerne aus ihrem Alltag und ihrer Arbeit erzählen und sich für dieses ungewöhnliche Projekt begeistern lassen.

„Augenblicke: Gesichter einer Reise“ ist ein zarter, poetischer, tiefsinniger Film mit einem sehr guten Auge für das Zwischenmenschliche. REGISSEUR schafft es, Agnes und JR im Mittelpunkt stehen zu lassen, ohne dass sie sich in den Vordergrund rücken – so bleibt genügend Platz für die Menschen, die sie auf ihrer Reise kennenlernen. Es muss nicht immer das nach großen Effekten heischende Kino sein, dass begeistert – diese leise Reise bleibt im Kopf!

Augenblicke: Gesichter einer Reise
Frankreich, 2017, 93 Minuten
In den Kinos ab 31. Mai 2018

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