Kleidung als Sprache

EdouardEdouard Baribeaud in seinem Berliner Atelier / Foto: Fräulein Julia

Ein Riese, der gerne Tweed-Anzüge trägt: Édouard Baribeaud hat für ein Kinderbuch eine eigenwillige Figur geschaffen. Ich habe ihn in seinem Berliner Atelier besucht.

Das kleine Fenster ist mit einer grauen Gardine verhangen, nur ein schlichter Schriftzug weist darauf hin, dass sich dahinter ein Atelier verbirgt: Seit einigen Jahren arbeitet Édouard Baribeaud zusammen mit seiner Partnerin Sophia Andreotti in einem ehemaligen Ladengeschäft in Prenzlauer Berg, unweit des Alexanderplatzes. Auf der Fensterbank reihen sich Kakteen aneinander, Gläser mit Filzstiften in allen Farben stehen auf dem Schreibtisch, an den weiß gestrichenen Backsteinwänden hängen Zeichnungen und Aquarelle. Es sind die Bilder, die Baribeaud für sein erstes Buch ausgearbeitet hat, das demnächst auf Französisch und dann in der deutschen Übersetzung in der Büchergilde erscheint: „La fabuleuse histoire du géant Théophile“.

Die Geschichte handelt von einem Jungen, der unweigerlich aus der Masse gleichaltriger Kinder heraussticht – weil er viel größer ist als alle anderen. Das führt unter anderem dazu, dass er auf Klassenfotos nicht vollständig ins Bild hineinpasst und bei den Spielen auf dem Schulhof im Weg steht; auch muss seine Mutter die Kleidung für ihren überlangen Sohn aus bunt zusammengewürfelten Stoffresten zusammensetzen, über die sich seine Mitschüler lustig machen. Théophile hadert sehr mit der ewigen Rolle des Außenseiters, bis er eines Abends bei einem Spaziergang an dem Geschäft eines Schneiders vorbeikommt. Zum ersten Mal fühlt er sich ernst genommen, als der Inhaber mit dem Maßband um ihn herumtänzelt und ihm im Anschluss einen perfekt sitzenden Anzug näht. Mit dem Tweed kommt die Würde: Théophile verschafft sich Respekt bei seinen Mitmenschen und in der Arbeitswelt, findet sogar eine liebevolle Frau. Das diese nur halb so groß ist wie er, stört die Beiden nicht.

Seit 2009 in Berlin

Wie kam der Künstler, der seine großformatigen Werke längst in internationalen Galerien ausstellt, dazu, ein Buch über einen textilliebenden Riesen zu entwerfen? „In meinen Bildern war schon immer das narrative Element sehr präsent“, erzählt Baribeaud. Ursprünglich hat der gebürtige Franzose Illustration und Angewandte Kunst in Paris studiert, orientierte sich aber nach seinem Umzug nach Berlin 2009 immer stärker Richtung bildende Kunst – und versuchte, die beiden Richtungen in seinen Arbeiten zu verbinden. „Illustration und Bildende Kunst sind eigentlich sehr unterschiedlich, Illustration wird auch häufig als weniger wertvoll angesehen. Ich wollte trotzdem die Füße in beiden Welten haben“, sagt er. Inspiration und Vorbilder findet er in Gemälden aus der Renaissance und der indischen Miniaturmalerei, einer über 500 Jahre alten Technik, deren detaillierte Ausarbeitung von Gesichtern, Kleidung und Vegetation auch in seinen Arbeiten zu finden ist. Ebenso faszinieren ihn mittelalterliche Tapisserien, weil sie mittels fein gewebter Fäden Geschichten erzählen.

Denn wie seine Figur Théophile interessiert sich Édouard Baribeaud ebenfalls für die Ausdruckskraft von Stoffen: „Kleidung ist die erste Kommunikationsform zwischen Menschen: Noch bevor ich dir Guten Tag gesagt habe, hast du schon gesehen, dass ich eine weiße Jacke und ein T-Shirt mit Motiv trage. Man kommuniziert damit, wie man sich anzieht. Und wenn es einem völlig egal ist, was man trägt, dann ist das auch eine Art der Kommunikation.“ In den letzten Jahren entwarf er mehrere Seidentücher für die französische Modemarke Hèrmes, auf denen mythologische Figuren in wiederkehrende Muster eingegliedert sind; entstanden sind edle Textilien, die man sich nicht nur um den Hals wickeln, sondern ebenso gut gerahmt an die Wohnzimmerwand hängen kann.

Auch die Idee für eine Figur, die später zu Théophile werden wird, ist direkt mit Nadel und Faden verbunden. Vor ein paar Jahren reiste Baribeaud nach London und hatte dort die Gelegenheit, sich in der berühmten „Savile Row“ von Maßschneidern erklären zu lassen, wie aus einer anfänglichen Skizze ein eleganter Anzug entsteht. Eine alte Technik, die heutzutage nur noch in wenigen Ländern regelmäßig genutzt wird. Wer sich einen Anzug schneidern lässt, setzt damit ein klares Statement, um sich von der Masse abzusetzen. Könnte das nicht auch für einen Riesen eine Möglichkeit sein, sich von seinen groben Verwandten äußerlich zu distanzieren?

Gemalt wie aus Stoff

Im Anschluss an die Besuche in den Schneiderstuben zeichnete er erste Szenen für ein Buchprojekt in sein Skizzenheft. Sie enthalten bereits die für seine Bilder typische Mischung aus Schraffur und Aquarell: „Ich wollte so zeichnen, als sei das Papier bestickt und das Motiv bestünde aus textilem Gewebe“, erzählt er. Nach einer ersten Bleistiftzeichnung malte er die Linien mit Filzstift nach, darüber kam eine Schicht aus Aquarellfarben. Damit, so Baribeaud, ließen sich die Konturen weicher zeichnen und die Struktur der Textilien besser darstellen.

Während ihm die Zeichnungen des Riesen leicht fielen, haderte er allerdings mit dem dazugehörigen Text und legte das Projekt erstmal für ein paar Jahre zur Seite – bis er im vergangenen Jahr auf einer Vernissage in London den französischen Modejournalisten Marc Beaugé traf. Der zeigte sich nicht nur sofort begeistert, sondern legte dem charmanten Riesen auch spontan die passenden Worte in den Mund. Gemeinsam griffen sie das Buchprojekt wieder auf: „Der Lockdown hat dazu beigetragen, dass ich mich intensiv auf die Illustrationen konzentrieren konnte und Marc die Geschichte in wenigen Monaten geschrieben hat“, so Baribeaud. So wurde aus dem anfänglich exzentrischen Riesen der leicht tollpatschige und liebenswerte Théophile.

Nach größeren Malereien und kunstvollen Seidenschals erscheint also nun das erste Buch für kleine und große LeserInnen von Édouard Baribeaud. Vermutlich wird es aber nicht sein letztes sein: Genügend Ideen für weitere Projekte gibt es bereits.

Dieser Text ist zuerst im Magazin der Büchergilde erschienen