Kleinlich oder nicht kleinlich, das ist hier die Frage

Berlin

Berlin-Logbuch XIX: „Also über meinen Mitbewohner kann ich mich jeden Tag aufs Neue wundern.“

Als ich hier eingezogen bin, hieß es noch großzügig: Ich sehe das nicht so eng mit den Lebensmitteln, ist mir wurscht wer die Milch aufbraucht, Hauptsache es ist immer genügend da. Und eigentlich sah es auch so aus, als sähe er es mit dem Spülen auch so; es muss hier keinesfalls das Geschirr direkt nach dem Essen gespült werden, auch wenn ich das zunächst gemacht habe, weil ich ja erst austesten musste, wie er so drauf ist – aber ich sehe es fast schon als selbstverständlich an, das ich, wenn ich spüle, direkt alles mitspüle, egal wer jetzt welchen Teller benutzt hat oder nicht, damit immer genügend Geschirr da ist. Und jetzt komme ich nachhause, und finde in der Küche fein säuberlich getrennt das gespülte Geschirr von meinen zwei Tellern und Müslischalen. Die mit zu spülen, dafür hat wohl die Kraft nicht mehr gereicht.

Ich möchte mich jetzt keinesfalls darüber pikieren, das wäre lächerlich, aber seltsam ist dieser Haushalt doch irgendwie. Die Badezimmertür muss immer sperrangelweit offen sein (natürlich nur dann nicht, wenn man sich selber im Bad befindet), weil dies der einzige Weg ist, frische Luft hinein zu bekommen (und die schlechte durch die Wohnung zu verteilen) – auf das Schließen der Tür bei Nichtbenutzung des Badezimmers steht fast schon Todesstrafe. Genauso kurios die Waschmaschine. Ich konnte ja nicht ahnen wie man das Ding bedient – also natürlich weiß ich wie man eine Waschmaschine grundlegend handhabt, aber das diese so viele Special-Effects beinhaltet, konnte ich nicht wissen. So habe ich unwissendes Kind meine Wäsche einfach in die Maschine geworfen, den Knopf auf den einzig möglichen Waschgang gestellt, und bin gegangen. Ein fataler Fehler.

Denn als ich wiederkam, raste T. aus seinem Zimmer, um mir erstmal mit erhobenem Zeigefinger die wichtigste Regel in diesem Hause zu berichten: Niemand verlässt die Wohnung, solange die Waschmaschine läuft! Die tropft nämlich, und das sogar ziemlich stark. Man muss also alle fünf Minuten in die Küche watscheln und eine Plastikschale auswechseln, damit man den Raum nicht unter Wasser setzt. Das ist leicht nervtötend; allerdings hat die Waschmaschine auch ihre guten Seiten. Natürlich nicht nur, dass sie meine Wäsche wäscht, sondern auch, das sie während ihrem Schleuderprogramm so dermaßen vibriert, das die ganze Küche wackelt. Wenn man also gerade die Idee hat, einen Fruchtcocktail zu mixen, bräuchte man das Glas einfach auf die Waschmaschine zu stellen. Wenn man wollte.

Mittlerweile habe ich also kapiert das ich mich alle paar Minuten in die Küche schleppen muss, um schlimmeres zu verhindern – was ich jedoch noch nicht drauf habe, ist das ich diesen seltsamen Hahn nach dem Waschgang auch wieder zudrehen muss. Das kann fatal werden. Schon bei meiner letzten Aktion habe ich das vergessen, und als ich spät nachts nachhause kam, zogen sich lange Wasserstreifen über die Holzdielen. Zum Glück war mein werter Mitbewohner nicht da, sonst hätte es sicherlich großen Ärger gegeben.

Gestern ist es mir dann wieder passiert. Ich hatte mich dazu entschieden, zu einer Saison-Auftakts-Lesung mit ganz vielen Autoren am Wannsee zu fahren, auch wenn ich das nicht zwingend musste. Ich hatte mir extra eine Zeitschrift und etwas zum Knabbern gekauft, der Weg einmal quer durch die Stadt ist ja schließlich lang. An der Station Nikolassee angekommen (noch eine gute Viertelstunde Zeit, nur noch eine Bahnstation) fiel mir dann plötzlich siedendheiß (seeehr heiß) ein, das ich vergessen hatte, den Waschmaschinenhahn zu zu drehen. Und dann blieb mir nichts anderes übrig, als direkt in die nächste Bahn Richtung Warschauer Strasse zu steigen, um nicht erneut nasse Füße zu bekommen. Zum Glück habe ich es vor Thomas nachhause geschafft, so dass ich noch genügend Zeit hatte, alles aufzuräumen.

Playlist:
Wir sind Helden: „Nur ein Wort


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!