Koks und Krise: „Panikherz“ im Berliner Ensemble

Panikherzv.l. Nico Holonics, Carina Zichner, Laurence Rupp, Bettina Hoppe / © Julian Röder

Das Berliner Ensemble hat das autobiographische „Panikherz“ von Benjamin v. Stuckrad-Barre inszeniert – herausgekommen ist ein Theaterabend erster Klasse!

„“Das Kokain ließ mich Tage und Nächte manisch herumrotieren, gegen das lästige Herzrasen goss ich Alkohol drauf, schlief irgendwann vollkommen betäubt ein, dabei half das Rohypnol, das der neue, zum Heroin ratende Dealer mir mitgebracht hatte, weil, so seine fachmännische Blickdiagnose, ich auch mal wieder runterkommen müsse, zwischendurch. Wenn ich erwachte, brauchte ich eine Weile, um einen Zusammenhang herzustellen zwischen den durch die Gardinen hindurch sichtbaren Tageszeitindizien und der zuletzt erinnerten Tageszeit, ich unterschied nur mehr zwischen hell und dunkel, Tag und Nacht. Manchmal schlief ich wohl 26 Stunden, manchmal auch nur zwei, es war alles nicht so klar und sollte das auch auf gar keinen Fall werden.“

Als Benjamin von Stuckrad-Barre Anfang 2016 seine Autobiographie unter dem Titel Panikherz veröffentlicht – wenn man das mit 41 Jahren schon Autobiographie nennen kann? – wird schnell deutlich: Dieser Mann ist durch seine persönliche Hölle der Selbstzerstörung gegangen. Der ab den späten 90er Jahren nach seinem Erfolg mit Soloalbum als neuer Popliterat gefeierte Autor von taz und Rolling Stone magerte sich mit seiner Bulimie bis auf die Knochen ab, konnte jahrelang nur mit einer Mischung aus Kokain, Ecstasy, Ritalin und Alkohol existieren.

Mehr als das bloße Existieren war dann aber auch nicht drin. Aus den Tiefen der Destruktion rettet ihn ausgerechnet Udo Lindenberg, den er seit seiner Kindheit verehrt und der ihn zur Selbstfindung und Ausnüchterung ins Chateau Marmont nach Los Angeles verfrachtet. Seitdem ist Ruhe im Hause von Stuckrad-Barre, zumindest, was die Exzesse angeht. Kamillentee ist das Äußerste.

Panikherz

© Julian Röder

Wie bringt man diese wilde Lebensgeschichte auf die Bühne? Was bei Verfilmungen von Büchern stets eine heikle Angelegenheit ist, gilt ebenso für das Theater. Man muss sich entscheiden, einen Fokus setzen, gegebenenfalls Aspekte herauslassen. Im Fall der Inszenierung von Panikherz am Berliner Ensemble liegt der Schwerpunkt eindeutig auf dem Phänomen Stuckrad-Barre und seinen vielfältigen Persönlichkeitsaspekten: Da ist der Sohn eines Pfarrers, der schon früh aus der Enge seines Elternhauses ausbrach. Da ist der überdrehte, aufgekratzte, hyperaktive Benjamin, der sich die Nase blutig kokst und ohne Möbel in großen Berliner Altbauwohnungen haust. Da ist der ehrgeizige Musikjournalist mit der spitzen Feder. Und nicht zuletzt der geläuterte und entgiftete „Stuckiman“ der Gegenwart.

Alle vier Aspekte werden auf der Bühne einzeln herausgearbeitet, mal stärker hervorgehoben, mal – je nach Lebensphase des Autors – in den Hintergrund gerückt. Zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler – es sind Laurence Rupp, Carina Zichner, Nico Holonics und Bettina Hoppe -, die jeweils einen dieser Lebensaspekte darstellen, waten in knapp zwei Stunden Spielzeit gemeinsam durch den Schlamm der drogenverseuchten Biographie Stuckrad-Barres, dabei werden sie kongenial unterstützt von einer Truppe Musiker, die den Theatersaal zeitweise in eine brüllend laute Techno-Höhle oder ein Oasis-Konzert verwandelt. Und Udo Lindenberg wird selbstredend auch immer wieder intoniert – nicht nur in der kleinen Bar, die schummerig-verraucht am hinteren Ende der Bühne steht, auf der ein riesiger Orientteppich den Eindruck einer staubig-verlebten Hotellobby entstehen lässt.

Panikherz

© Julian Röder

Oliver Reese hat sich dem Text von Stuckrad-Barre angenommen und ihn in weiten Teilen übernommen; mal abgesehen von etlichen Dialogen mit Udo Lindenberg und der – auf jeden Fall sehr schön zu lesenden – bissigen Abrechnung mit der Medienlandschaft, ist alles vorhanden. Ein Punkt, der für Literaturliebhaber wie mich nicht unerheblich ist. Doch noch stärker ist dem Regisseur anzurechnen, dass er es schafft, den Text aus seiner (wenn im eigenen Kopf gelesenen) Eindimensionalität in eine Dreidimensionalität, eigentlich sogar Vierdimensionalität, zu übertragen und so völlig neue Bedeutungs- und Interpretationsebenen zu eröffnen. Man muss das Buch nicht kennen, um in die fatale Lebensweise des Popliteraten einzutauchen.

Der lang andauernde Applaus, die enthusiastischen Bravo-Rufe und nicht zuletzt mein seliges Grinsen nach der Aufführung sind außerdem ein gutes Argument: Für alle Fans der Texte von „Stuckiman“ ist diese Inszenierung ein Muss – für alle anderen, die mal wieder einen richtig guten Theaterabend erleben möchten, ebenfalls!

Panikherz läuft im Berliner Ensemble und zwar noch am 11., 19. und 29. April sowie am 6., 10. und 22. Mai., Karten gibt es ab 11,-€ // Ich danke dem Berliner Ensemble ganz herzlich für die Einladung!

1 Kommentare

  1. Liebe Julia,
    Stefan und ich waren vor einigen Wochen auch in dem Stück und waren ebenso begeistert wie du. Ich mochte auch besonders die Songauswahl und dass das Ganze auch dadurch nie ins Kitschige bzw. Musicalartige abgerutscht ist. Was die Schauspieler*innen auf der Bühne geleistet haben, war darüber hinaus sowieso einfach nur beeindruckend. Also: Volle Zustimmung! 🙂
    Liebe Grüße
    Juliane

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