Gedichte essen mit dem Kollektiv „kaboom“

kaboom

Margaret und Carolin sind das Kollektiv „kaboom“: In Berlin machen sie Literatur haptisch erlebbar – was dahinter steckt, haben sie mir erzählt.

In der Kurzbeschreibung, die man auf eurer Homepage findet steht ihr „erweckt Texte zum Leben“. Muss man Texte noch zum Leben erwecken? Was genau meint ihr damit?

Ich habe mal ein Interview mit Nora Gomringer gemacht in dem sie sagte, dass jeder Text drei Leben hat: Während der Entstehung lebt er im Kopf, dann gibt es das verschriftlichte, publizierte Leben. Wir interessieren uns für den dritten Teil, in dem man den Text in ein anderes Medium überführt. Das soll gar nicht als Ersatz, sondern als Fortführung des Textes gelten. Wir testen, was der Text noch alles sein kann und generieren einen neuen Zugang. Wir wollen die Kraft der Worte noch viel stärker herausarbeiten, als man das mit dem Lesen im stillen Kämmerlein erreichen kann – sie werden über mehrere Sinne erlebbar gemacht.

Ihr arbeitet dabei vor allem mit Performance oder Ausstellungsinszenierungen, bringt den Text also vom Blatt Papier „in den Raum“.

Ja, genau darum geht es. Dem Text einen anderen Aggregatzustand zu geben. Und da gibt es so viele Möglichkeiten: Tanz zum Beispiel oder die Zusammenarbeit mit Musiker*innen. Bei uns steht das sinnliche Erleben im Vordergrund. Bei unserem aktuellen Projekt „A Poem for Dinner“ ist alles total spielerisch, das war auch so gedacht. In erster Linie geht es uns auch darum, eine Plattform zu schaffen, auf der man sich über diese Texterfahrung austauschen kann – dies bei einem gemeinsamen Abendessen zu tun, bietet sich natürlich an.

Seit wann gibt es das Kollektiv Kaboom und wie habt ihr euch überhaupt gefunden?

Wir arbeiten seit knapp zwei Jahren zusammen, seit einem Jahr unter dem Namen „Kollektiv Kaboom“. Wir haben uns kennengelernt, als Carolin ihre Masterarbeit in Angewandter Literaturwissenschaft zu dem Thema Ausstellungsmöglichkeiten von Texten geschrieben hat und jemanden suchte, der das Ganze gemeinsam mit ihr weiterdenkt und inszeniert. Margaret hat zur gleichen Zeit den weiterführenden Master in Bühnenbild und szenischem Raum gemacht, dort hat Carolin mich gefunden. Aus unserer Zusammenarbeit haben sich dann mehr und mehr Projektideen ergeben.

Seit Dezember läuft euer aktuelles Projekt „A Poem for Dinner“, für das vier Kreuzberger Restaurants das Gedicht This is just to say von William C. Williams in ein Gericht oder ein ganzes Menü umgesetzt haben. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Wir hatten schon häufiger darüber gesprochen ein Projekt umzusetzen, welches sich etwas vom Ausstellungskontext wegbewegt und sich stärker auf den Stadtraum ausdehnt, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Auf Netflix hatte Carolin eine Sendung über Köche gesehen und dann überlegt, ob es nicht spannend wäre, Essen und Text zusammenzubringen. Dann haben wir nach passenden Gedichten gesucht, Willam C. Williams gefunden und dieses Experiment „A Poem for Dinner“ gewagt.

Die vier beteiligten Restaurants haben das Gedicht alle in einer anderen Sprache bekommen, nämlich Deutsch, Schwitzerdütsch, Englisch und Arabisch. Wieso genau diese Mischung?

Der Grundgedanke war, dass wir vier Restaurants auswählen, die sich in Kreuzberg befinden und eine experimentelle Küche haben. Denn es ist ja etwas sehr experimentelles, ein Gedicht zu lesen, zu interpretieren und dann in ein Gericht umzusetzen; da gibt es keine richtige „Lösung“ in dem Sinne. Wir können es also schwer überprüfen, ob es eine gute „Übersetzung“ geworden ist, da es ja ein sehr persönlicher Vorgang ist. Die wildeküche hat von Anfang an gesagt, dass sie gerne mit der deutschen Übersetzung arbeiten möchte. Carolin hat dann für die Schwarze Heidi eine Übersetzung ins Schweizerdeutsche gemacht, das St. Bart hat die englische Originalversion bekommen und der Kreuzberger Himmel eine Übersetzung ins Arabische – das hat sich per Zufall ergeben und zu dieser schönen Mischung geführt. Für die Finissage im Kreuzberger Himmel am 6. Februar, der letzten Station, arbeiten wir mit dem Verein Neue Nachbarschaft Moabit und ihrem Schreibkollektiv zusammen, die mehrere Varianten des Gedichts ins Arabische übersetzt haben und die man alle an diesem Abend hören wird.

Habt ihr die Restaurants bei der Umsetzung des Gedichts begleitet oder ihnen freie Bahn gelassen?

Das haben wir ziemlich frei gelassen. Wir haben gemeinsam über den Text gesprochen und auch etwas über die Besprechung des Textes, aber der Rest war ihnen überlassen. Die wildeküche z.B. ist an das Gedicht so herangegangen, dass sie die verschiedenen Aggregatzustände einer Pflaume in das Menü eingeflochten haben (In dem Gedicht spielen Pflaumen eine wichtige Rolle – Anm.d.Red.) – das war natürlich am Ende ziemlich pflaumenlastig…

Dieses Gedicht ist ja relativ einfach zu kochen, wenn man sich nur auf die darin genannten Pflaumen bezieht. Spielen die bei den anderen Restaurants auch so eine große Rolle?

Im zweiten Restaurant, dem St. Bart, war überhaupt keine Pflaume dabei! Sie haben das sehr schön interpretiert und ein Rote-Bete-Gericht mit Ziegenkäse und Haselnüssen serviert. Durch diese wahnsinnig intensive rote Farbe bekommt das Essen etwas ganz besonderes. Darüber in einen Dialog zu gehen und die Parallelen zum Gedicht zu diskutieren ist spannend.

Wieso habt ihr genau dieses Gedicht ausgewählt?

Wir haben natürlich nach einem Text gesucht, der für viele Menschen zugänglich ist und eine Geschichte erzählt. Der Text ist in den 1920ern entstanden und trotzdem sehr aktuell und charmant – darüber hinaus für diese Zeit aber auch sehr provokant. Jeder kann mit diesem Gedicht Spaß haben. In dem Text steckt so viel Alltagspoesie, das deckt sich mit unseren Anliegen.

Hattet ihr bei „A Poem for Dinner“ eigentlich eine bestimmte Zielgruppe im Kopf?

Wie schon erwähnt wollten wir den Text auch Menschen zugänglich machen, die sich vielleicht nicht so häufig mit Literatur beschäftigen. Es geht uns gar nicht darum, das als großes Event aufzuziehen; vielmehr gehen die Leute in die teilnehmenden Restaurants und werden dann neugierig durch die Beschreibung von „A Poem for Dinner“, die als Einleger in der Speisekarte liegt.

Was denkt ihr, lässt sich leichter inszenieren: Lyrik oder Prosa?

Lyrik! Bei Prosa hat man ja mehr Text und muss mit diesem größeren Volumen umgehen. Das Spannende an Lyrik ist natürlich auch die Verdichtung von Worten, die auch oft den Charakter eines Rätsels hat – für eine visuelle Umsetzung kann man das sehr gut nutzen. Der Raum in dem Text ist schon so kompakt, man muss ihn nur noch übertragen. Aber auch aus Prosa-Texten kann man einzelne Aspekte rausgreifen; es ist interessant, was diesbezüglich in den letzten Jahren z.B. in Literaturmuseen gemacht wurde. Es ist gerade Trend – und wir sehen es darüber hinaus als eine Notwendigkeit! – Texte interaktiv erfahrbar zu machen bzw. erweiterte Vermittlungsebenen zu finden, um mehr Menschen mit Literatur in Verbindung zu bringen.

Warum heißt ihr eigentlich Kollektiv „kaboom“?

„Kaboom“ kommt aus der Comic-Sprache. When something is truly boom it becomes kaboom! In unserem Zusammenhang bedeutet das: Texte können im Inneren eine Explosion auslösen – und wenn man mit Literatur mal so einen Moment hatte, dann bleibt man immer dabei.

Herzlichen Dank!

Mehr über das Kollektiv „kaboom“ findet ihr auf der Homepage.

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